Diskurs Dermatologie

„Es wurde höchste Zeit!“

Interview mit Univ.-Prof. Dr. med. Bert Reichert (Nürnberg)

Univ.-Prof. Dr. med. Bert Reichert ist als Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie sowie Handchirurg seit vielen Jahren ärztlicher Leiter der Klinik für Plastische, Wiederherstellende und Handchirurgie der Universitätsklinik der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Nürnberg. 2005 hat Prof. Reichert das „Nürnberger Frühjahrssymposium Plastische Chirurgie“ (NFPC) ins Leben gerufen und fungiert seither als wissenschaftlicher Leiter dieser Veranstaltungsreihe. Wir sprachen mit dem Experten über das diesjährige 14. Frühjahrssymposium, das unter dem spannenden Motto „Rund ums Fettgewebe“ stand.

MÄC:

Herr Prof. Reichert, was hat Sie veranlasst, in diesem Jahr das Fettgewebe ins Zentrum des Frühjahrssymposiums zu stellen?

Prof. Reichert:

Ganz einfach: es wurde höchste Zeit! Wir haben immer Themenschwerpunkte und das Fettgewebe war noch nicht dran. Und wichtig ist auch, dass es gelungen ist, so viele interessante Referenten zu diesem Termin gewinnen zu können. Wenn das klappt, muss man es auch machen.

MÄC:

Fettgewebe wurde in der Chirurgie ja lange Zeit hauptsächlich als lästige intraoperative Barriere vor den eigentlich interessierenden Organen und Geweben betrachtet. Hat sich diese tradierte Sichtweise inzwischen geändert?

Prof. Reichert:

So habe ich das auch noch kennengelernt. Aber wir wissen natürlich auch, dass Fettgewebe nicht nur Energiespeicher und Lückenfüller ist. Zum Beispiel findet man dort Stammzellen, aus denen neues Gewebe entstehen kann. Es gibt interessante Versuche, sich diesen Vorteil zunutze zu machen, zum Beispiel in der Orthopädie. Leider gibt es da aber strenge Regulierungen, die solche Anwendungen stark erschweren.

MÄC:

Gab es in den letzten Jahren gravierende Änderungen bzw. Fortschritte beim Umgang mit Fettgewebe in der ästhetisch-plastischen Chirurgie?

Prof. Reichert:

Weiterhin kommen viele Patienten, um Fettgewebe durch eine Absaugung entfernen zu lassen. Dieses Aspirat ist aber schon seit längerem nicht nur für die Entsorgung geeignet, sondern man kann daraus über entsprechende Filtrierungsprozesse lebensfähige Fettzellen gewinnen, die an andere Stellen transplantiert werden können. Ein wichtiges Verfahren, sowohl für die rekonstruktive wie auch für die ästhetische Plastische Chirurgie.

MÄC:

Was waren Ihre persönlichen Highlights beim diesjährigen Frühjahrssymposium? Gab es neue Erkenntnisse, die Sie verblüfft haben?

Prof. Reichert:

Ich muss sagen, dass ich mich besonders darüber gefreut habe, dass die thematisch gleich orientierten Vorträge zum Lipödem aus Potsdam und aus unserer Klinik sich inhaltlich so sehr entsprochen haben. Immerhin ist Potsdam seit langem als Kompetenzzentrum für diese Erkrankung bekannt. Es war toll, dass sich mein Team so gut präsentieren konnte.

MÄC:

Eines der häufigsten Patienten- anliegen in der Praxis ist ja die Reduktion von übermäßigem Fettgewebe. Wann ist eine Kryolipolyse aus medizinischer Sicht angezeigt, wann eine Fettabsaugung, und wann ist ein bariatrischer chirurgischer Eingriff sinnvoller?

Prof. Reichert:

Medizinisch angezeigt in dem Sinne, dass ein krankhafter Befund behandelt werden sollte, ist die sogenannte morbide Adipositas. Menschen, die nach einer bariatrischen Operation 30, 40 oder noch mehr Kilogramm Körpergewicht abnehmen, verändern nicht nur ihr Aussehen, sondern haben anschließend deutlich bessere Blutdruckwerte, und auch der Blutzucker ist oft wieder normal. Eine ähnliche medizinische Indikation sehen wir im Stadium III des Lipödems. Dann ist die Fettabsaugung die ge- eignete Methode. Die Kryolipolyse ist für diese beiden Beispiele weniger geeignet. Sie wirkt auf Problemzonen ein, und das ohne ein invasivchirurgisches Vorgehen. Das macht die Sache so spannend!

MÄC:

Eine avancierte Methode des Umgangs mit entnommenem Fettgewebe ist die Gewinnung von Stammzellen. Welche therapeutischen Chancen ergeben sich hieraus?

Prof. Reichert:

Wie erwähnt hat man z.B. in der Orthopädie große Hoffnungen darauf gesetzt, zum Beispiel bei Arthrose, also zum Ersatz verloren gegangenen Knorpelgewebes. In unserem Gebiet verbessert übertragenes Fettgewebe die Qualität von Narbengewebe erheblich, zum Beispiel bei Patienten mit Verbrennungsnarben. Im Bereich der Ästhetik gibt es zahlreiche Möglichkeiten, ich möchte nur an das Unterspritzen von Falten erinnern. Wir sehen auch immer wieder junge Frauen mit fehlgebildeten Mammae, bei denen diese Methode hilft, die Formen anzugleichen, auch das ist eine wichtige neue Therapie.

MÄC:

Wo sehen Sie die Möglichkeiten, aber auch Grenzen des Lipofillings, also der Eigenfetttransplantation? Haben sich diese Grenzen in den letzten Jahren verschoben?

Prof. Reichert:

Wir sind vorsichtig bei Tumorpatienten. Zum Beispiel bei Frauen, die ihre Brust wegen einer Krebserkrankung verloren haben. Eine Transplantation von Eigenfett kann theoretisch zwar zu einer Formverbesserung bis hin zu einer natürlich wirkenden Brust führen. Aber was das auf Dauer für diese Patientinnen bedeutet, ob vielleicht eine Rezidiventwicklung begünstigt wird, weiß man nicht zuverlässig. Hier würde man sich also die Verschiebung dieser Grenze wünschen.

MÄC:

Eine relativ häufige – und im Verlauf sehr schmerzhafte – Erkrankung des Fettgewebes ist das Lipödem. Gibt es hier therapeutische Fortschritte?

Prof. Reichert:

Ich denke, dass man das eindeutig sagen kann. Wir haben heute viel mehr Erfahrung mit diesem Krankheitsbild als noch vor zehn Jahren. Dass eine Liposuktion hier eine medizinisch indizierte Maßnahme sein kann, war damals noch nicht allgemein anerkannt.

Heute sind wir weiter: auch ohne Studien, die natürlich wichtig wären, haben wir in großer Zahl zufriedene Patientinnen, wo immer diese Behandlung erfolgt. Und die Zufriedenheit kommt weniger vom besseren Aussehen, als davon, dass die Beschwerden dieser Patientinnen – denn es sind fast nur Frauen betroffen – so deutlich gelindert werden können. Und in vielen Fällen ist anschließend die komplexe Entstauungstherapie nicht mehr erforderlich.

MÄC:

Aufgrund der zum Teil divergieren- den Wahrnehmung – rein ästhetisch vs. medizinisch begründet und/oder mit angeblich unzureichender Studienlage – gibt es ein gewisses Konfliktpotential mit den Kostenträgern. Welche Verbesserungen würden Sie sich hier für die Zukunft wünschen?

Prof. Reichert:

Momentan haben wir vor allem bei Lipödem-Patientinnen Probleme. Hier stehen wir noch am Anfang, weil im Austausch mit den Kostenträgern Schwierigkeiten bestehen, die Behandlungsnotwendigkeit medizinisch zu begründen. Wenn es objektive Kriterien gäbe, wäre das einfacher. Vor zwei Jahren hat dieses Thema aber die Politik erreicht und es ist Bewegung entstanden. Ich vertraue darauf, dass es hier weitere Fortschritte geben wird.

Menschen mit einem ausschließlich ästhetisch motivierten Behandlungswunsch wissen das im Allgemeinen selbst und haben daher auch keine entsprechende Erwartung an eine Kostenübernahme durch ihre Krankenkasse. Schwierig sind all die Fälle dazwischen. Ob ein Körpermerkmal tatsächlich entstellend ist – wer soll das objektiv entscheiden?

MÄC:

Das 14. Frühjahrssymposium musste aus den bekannten pandemischen Gründen um ein Jahr auf 2021 verschoben werden. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser erstmals digitalen Veranstaltungsform gemacht? Könnte dies auch ein Modell für zukünftige Frühjahrssymposien sein oder planen Sie auf jeden Fall die Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen?

Prof. Reichert:

An dieser Stelle möchte ich mich vor allem bei CONVENTUS bedanken, unserem Partner in der Kongressorganisation. Wir führen schon viele Jahre auch andere Formate zusammen durch, seit 2020 gezwungenermaßen auch virtuell. Wir hatten keine großen Pannen, dank der großen Erfahrung dieser Experten. Traditionell war unser Symposium aber immer auch als Begegnungsstätte konzipiert und eigentlich wollen wir das auch so schnell wie möglich wieder so machen. Ob wir beides gleichzeitig machen können, muss sich zeigen.

MÄC: Sehr geehrter Herr Prof. Reichert, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte K. Dürringer.