„Die Einsetzbarkeit in der ambulanten Versorgung soll eine dominierende Rolle spielen“

Interview mit Prof. Dr. Dr. Sven Quist (Mainz)
Prof. Dr. Dr. Sven Quist leitet seit knapp 10 Jahren die eigene Dermatologische Gemeinschaftspraxis im Mainz, ist darüber hinaus als außerplanmäßiger Professor für Dermatologie an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg tätig und hat u.a. als Studienleiter von zahlreichen klinischen Studien nationales wie internationales Renommee erworben. Wir sprachen mit Prof. Quist im Vorfeld der anstehenden 24. Tagung DERM im Frankenthal vom 13.–15. März 2026 über die dort erstmals vergebenen DERM Awards sowie die aktuellen Themen, mit denen er sich bei seinen Vorträgen vor Ort auseinandersetzen wird.
DISKURS Dermatologie: Herr Prof. Quist, auf dem dermatologischen Kongress DERM werden in diesem Jahr ja erstmals die neuen „DERM Awards“ ausgelobt. Sie leiten die Klärungsstelle dieser Auszeichnung – was heißt das konkret? Und wie werden die Preisträger dann letztlich ermittelt?
Prof. Quist:
Dieses unabhängige Kuratorium prüft zunächst die Einreichungen in den verschiedenen Kategorien darauf hin, ob sie formal nominierungsfähig sind. Anschließend findet eine engere inhaltliche Evaluation statt, an deren Ende dann festgelegt wird, welche dieser Vorschläge tatsächlich nominiert werden. Die Kategorien reichen dabei von innovativen Ansätzen in der kosmetischen Behandlung – also eher äußerlichen bzw. topischen Behandlungsformen – bis hin zu Behandlungen mit Geräten.
Maßgebliches Kriterium der Bewertung für die Vergabe der Awards soll die Relevanz der nominierten Innovationen für die dermatologische Praxis und die ambulante Versorgung sein.
Da dies niemand besser beurteilen kann als die „Schwarmintelligenz“ der Praktiker vor Ort, sind alle angemeldeten ärztlichen Tagungsteilnehmer der DERM berechtigt und dazu aufgerufen, im Vorfeld der Tagung online ihre Stimme abzugeben.
DISKURS Dermatologie: Nominierte Produkte oder Geräte dürfen ja nicht länger als zwei Jahre bereits auf dem Markt sein. Nach welchen weiteren Kriterien prüft die Klärungsstelle vorab die Einreichungen?
Prof. Quist: Die Kriterien sind hier vor allem: Praxistauglichkeit, Innovationsgehalt und eigenständige Entwicklung – also keine „Kopien“ bereits marktgängiger Produkte. Außerdem ein zuverlässiger Nachweis, idealerweise durch aussagekräftige Studienergebnisse.
DISKURS Dermatologie: Ist die Evidenzgenerierung bei Geräten und Verfahren nicht deutlich komplexer als bei Arzneimitteln? Wo liegen hier die methodischen Herausforderungen?
Prof. Quist: Sie haben recht, bei Medikamenten ist es relativ einfach – man hat ein Medikament, hat ein Vergleichspräparat und/oder ein Placebo, und das wird dann an tausenden Patienten getestet. Bei Geräten ist schonmal das erste Problem, dass es kein klassisches Placebo gibt. Es gibt schon vereinzelt Hersteller, die sich die Mühe machen und ein praktisches Gerät entwickeln, das wie ein Placebo wirkt – aber das ist zum einen sehr schwierig und zum anderen wird der Patient i.d.R trotzdem merken, welches Gerät „aktiv“ ist.
Es gibt natürlich Anwendungen und Parameter, wo man Ergebnisse messen kann: das Gerät hat das gemacht, was es soll. Aber diese sind häufig nicht kontrolliert, nicht verblindet usw. wie in einer klassischen Studie; die Daten sind insofern weniger stichhaltig. Andererseits zeigt allein die Tatsache, dass ein Studienaufwand betrieben wurde, die Überzeugung und auch den guten Willen des Herstellers. Guten Willen deshalb, weil es – im Gegensatz zum Arzneimittelbereich – keine Verpflichtung gibt, die Wirksamkeit durch Studien nachzuweisen. Medizinprodukte müssen im Wesentlichen nur „nicht schaden”.
DISKURS Dermatologie: Können Sie noch etwas näher erläutern, welche Rolle die Praxistauglichkeit in der ambulanten Versorgung bei der Preisvergabe spielen soll?
Prof. Quist: Die Einsetzbarkeit in der ambulanten Versorgung soll eine dominierende Rolle spielen – gerade weil DERM ja ganz dezidiert ein Kongress für Niedergelassene ist. Das heißt: wenn etwas nur im Kliniksetting funktioniert, z.B. weil jemand länger beobachtet werden oder ein Anästhesist anwesend sein muss, wäre das für den niedergelassenen Bereich weniger hilfreich und insofern für unsere Awards auch weniger relevant. Die wichtigen Fragen sind daher: wie einfach kann es im ambulanten Bereich eingesetzt werden? Wie sicher ist es in der Anwendung? Wie lange dauert die Durchführung, brauche ich eine Stunde oder ist es in zehn Minuten erledigt? Kann ich es delegieren? Solche Themen spielen für die Praxistauglichkeit eine eminent wichtige Rolle.
DISKURS Dermatologie: Die DERM Awards werden in diversen Kategorien vergeben. Wie kommt es, dass Nominierungen grundsätzlich auch in mehreren Kategorien möglich sind?
Prof. Quist: Die Kategorien sind an sich schon sauber getrennt, aber es gibt ja z.B. die Möglichkeit, dass ein Produkt bzw. ein Gerät Einsatzmöglichkeiten sowohl für den ästhetischen Bereich als auch für den medizinischen Bereich hat; die jeweilige Nützlichkeit und Innovationshöhe kann man dann, die Awards betreffend, ggf. getrennt betrachten.
DISKURS Dermatologie: Kommen wir zu Ihren inhaltlichen Schwerpunkten bei der DERM. Sie sprechen u.a. über das Thema Künstliche Intelligenz. Wo setzen Sie KI in Ihrem Praxismanagement konkret ein und welche Effekte sehen Sie im Alltag?
Prof. Quist: Wir nutzen KI tatsächlich bereits ganz konkret für verschiedene Einsatzgebiete. Ein Punkt ist die automatisierte Terminplanung. Die Patienten werden direkt zu einer Termin findung geleitet, und zwar unserer überwiegend positiven Erfahrung nach schneller und effektiver als bisher. Natürlich hat unser vorhandenes Personal dadurch auch mehr Zeit für andere Tätigkeiten. Diese KI-gestützte Terminvermittlung funktioniert dabei sowohl online wie auch sprachgesteuert am Telefon, was gerade für viele ältere Patientinnen und Patienten wichtig ist. Die Patienten sind mit ihren terminlichen Anliegen auch nicht mehr so stark an unsere Öffnungszeiten gebunden, sondern können jederzeit einen Termin buchen.
DISKURS Dermatologie: Welche Rolle spielt KI bei Ihnen über das Terminmanagement hinaus?
Prof. Quist: Was das reine Praxismanagement angeht, ist auch das Thema Abrechnungen eines, bei dem sehr viel Zeit – und somit Geld – gespart werden kann. Da involvieren wir aktuell auch die KI immer mehr.
Das allerwichtigste KI-Thema in der Dermatologie im engeren Sinne ist aber natürlich die Diagnostik. Da gibt es zwei große Felder. Das eine ist die Muttermalkontrolle, die schon länger begleitet wird und inzwischen immer öfter KI-basiert ist: Wir machen Aufnahmen von Muttermalen und lassen die KI darüber laufen. Es gibt Systeme, die beim Kongress auch vertreten sind, die eine mikroskopische Abbildung der Haut von oben ermöglichen: man setzt das auf die Haut auf und „schaut” dann etwa einen halben Millimeter in die Haut hinein. Dazu gibt es KI-unterstützte Programme, die automatisiert eine Vermutung äußern: “Hautkrebs – ja oder nein.” Das funktioniert anhand bestimmter Muster, die in der Haut erscheinen und als krebsverdächtig bewertet werden.
Was wir demnächst nutzen werden, ist eine KI-basierte pathologische Analyse: Ein pathologischer Schnitt wird gescannt und anhand der Muster kommt eine KI zum Tragen, die Vorschläge macht – sogar elaborierte Texte. Also sie macht einen Befundvorschlag und fragt: “Passt das, ist das in Ordnung?” Generell ist die KI überall, wo es um Muster und deren Erkennung geht, extrem gut. Im Prinzip macht man als Arzt ja bei Befundungen auch nichts anderes, als Muster abzugleichen: Ich habe etwas im Kopf, so und so muss es aussehen – finde ich das hier wieder? Genau das macht die KI auch, und zwar wirklich gut und dabei enorm schnell und effizient.
DISKURS Dermatologie: Wie werden die neuen digitalen bzw. KI-unterstützten Tools von Ihrer Klientel angenommen?
Prof. Quist: Wie bei allem, was neu und ungewohnt ist, sehen wir schon auch Patienten, die recht skeptisch und kritisch gegenüber solchen Technologien sind. Die muss man abholen und ihnen geduldig erklären, warum das gut und hilfreich ist. Wir haben zum Beispiel ein Anamnese-Tool, wo man sich am Tablet einträgt. Daraus macht die KI eine Zusammenfassung dessen, was der Patient eingetragen hat – inklusive Vorinformationen. Das kann sehr gut funktionieren und ist auch für den Patienten eine Sicherheit, dass nichts übersehen wird. Es wird sicher noch etwas länger entsprechenden Betreuungsbedarf geben, aber im Endeffekt wird es die Prozesse für alle Beteiligten erleichtern und beschleunigen.
Das ist ja auch eine gesellschaftspolitische Diskussion, die über den Medizinbereich weit hinausgeht: in Deutschland ist insgesamt so wenig digital. Wir müssen gucken, wie andere Länder Verwaltung organisieren und von ihnen lernen, damit wir von diesem ausufernden „Papierkrieg“ endlich wegkommen.
Um auf unseren Praxisalltag zurückzukommen: Wenn alles digital in der Patientenakte ist – inklusive Aufklärung mit Unterschrift –, dann ist es im weiteren Verlauf immer direkt verfügbar. Keiner muss suchen, es kann nicht verloren gehen oder falsch abgeheftet werden. Und das muss doch das Ziel sein.
DISKURS Dermatologie: Sie adressieren in Frankenthal auch das Thema extrabudgetäre Versorgung – insbesondere bei berufsbedingtem Hautkrebs. Welche Voraussetzungen müssen Patientinnen und Patienten erfüllen, um in diese Versorgung zu fallen?
Prof. Quist: Man braucht zum einen eine entsprechend aufgestellte Berufsgenossenschaft – man muss aber auch bei einem Arbeitgeber beschäftigt sein, der dieser Berufsgenossenschaft angehört. Normalerweise ist das in Deutschland bei den meisten Arbeitgebern der Fall. Es gibt aber auch andere Fälle. So waren z.B. einige meiner Patienten für einige Jahre beruflich in Afrika – zwar bei einem deutschen Arbeitgeber, aber dort eben nicht beruflich versichert. Und für diese Zeit haben Sie dann tatsächlich keinen Schutz, egal wieviel Sonne Sie in Afrika abbekommen und sich dadurch evtl. einen Hautkrebs zugezogen haben.
Grundsätzlich ist es aber so: bei Personen, die berufsgenossenschaftlich geschützt sind, muss es sich für eine Aufnahme in die extrabudgetäre Versorgung um einen klar berufsbedingten Hautkrebs handeln. Das bedeutet: Sie müssen letztendlich mindestens 60% ihrer Sonnenexposition in Ausübung Ihres Berufes erfahren haben. Für manche Berufe ist dies eindeutig gegeben, bei anderen wird es knapp, wenn man die Expositionszeiten in Freizeit und Urlaub etc. gegenrechnet. Und auch wenn jemand lange Zeit durchgehend im Freien gearbeitet hat und später nur noch im Büro, kann es passieren, dass das summa summarum nicht ausreicht, um einen Hautkrebs als berufsbedingt anerkannt zu bekommen.
Wenn Patienten die genannten Bedingungen prinzipiell erfüllen und in das Programm fallen, dauert die Begutachtung inzwischen häufig sehr lange – teilweise bis zu einem Jahr. Wenn es dann anerkannt ist, ist es für die Patienten aber sehr komfortabel: Sie bekommen Lichtschutz lebenslang erstattet – genau wie alle Behandlungen, die beim Hautkrebs notwendig sind. Sie sind dann in diesem Bereich „berufsbedingter Hautkrebs“ praktisch Privatpatienten.
DISKURS Dermatologie: Noch besser ist es natürlich, wenn es zu diesen Erkrankungen gar nicht erst kommt. Setzen Arbeitgeber und Unfallversicherungsträger inzwischen präventive betriebliche Lichtschutzkonzepte konsequent um? Wie erleben Sie das in der Praxis?
Prof. Quist: Ich finde das immer sehr spannend: wenn man auf den Webseiten der Berufsgenossenschaften ist, sieht man fantastische Fotos von Straßenarbeitern mit Hut, mit Nackenschutz, mit Sonnenbrille und Ganzkörperausrüstung. Wenn ich das dann vergleiche mit der Realität bei den Leuten, die da arbeiten – freier Oberkörper, null Sonnenbrille, überhaupt kein Helm –, dann ist der Kontrast leider immer noch frappierend. Obwohl dies eigentlich verpflichtend ist, setzen meiner Wahrnehmung nach die wenigsten Arbeitgeber wirklich einen konsequenten Lichtschutz um. Da hapert es in der Praxis doch noch sehr.
DISKURS Dermatologie: Wenn wir auf die kommenden Jahre schauen: Welche Weiterentwicklungen erwarten Sie im Zusammenwirken von Berufsdermatologie, Onkodermatologie und Präventionsmedizin?
Prof. Quist: Wir haben immer weiter steigende Zahlen von Hautkrebserkrankungen – die Entwicklung ist eindeutig. Die Frage ist also: Wer übernimmt Versorgung und Vorsorge all dieser Patienten?
Wo sich eine Versorgungslücke auftut, entstehen oft auch neue Angebote. Ob es sinnvoll sein kann, flächendeckend Hautscans in Drogeriemärkten oder via App bei Tele medizinanbietern unbekannter Seriosität durchführen zu lassen, ist eine Frage, die ich an dieser Stelle bewusst offen lassen möchte. Das Auftauchen dieser Angebote belegt jedoch zumindest, dass die klassische dermatologische Versorgung große Probleme mit der schieren Anzahl an versorgungs bedürftigen Patienten hat, die ihrerseits oftmals große Probleme haben, einen Facharzttermin zu ergattern.
Die generelle Idee, in der Diagnostik Anlaufstellen zu schaffen, wo man einen – idealerweise von einer seriösen, spezifisch trainierten KI gestützten – Scan machen kann, ohne dass unmittelbar ein Facharzt vor Ort sein muss, ist naheliegend und wird auch bereits angegangen; ich weiß z.B. von einem entsprechenden Projekt von Prof. Alexander Zink an der TU München. Wenn Sie solche Möglichkeiten auf breiter Front schaffen, müssen Sie natürlich auch institutionell entsprechende fachärztliche Kapazitäten bereitstellen, um diese ganzen gesammelten Daten anschließend auszuwerten, die konkret behandlungsbedürftigen Patienten zu identifizieren und zeitnah einer adäquaten Versorgung zuzuführen.
Ein weiterer Ansatzpunkt wäre die Entwicklung einer Art Triage, um schon die Screenings effizienter zu machen. Es braucht eine Risikostratifizierung, sodass Personen mit vielen Auffälligkeiten wirklich engmaschig kontrolliert werden und Personen, die z.B. überhaupt keine Male am Körper haben, sporadischer. Auch so könnte man dem Anstieg des Versorgungs bedarfs entgegenwirken.
DISKURS Dermatologie: Sie referieren in Frankenthal auch über die molekulare Diagnostik in der Dermatologie mit minimalem Probeneinsatz. Wie ist hier der aktuelle wissenschaftliche Status quo?
Prof. Quist: Da gibt es eine sehr spannende Entwicklung von Dr. Kilian Eyerich am Universitätsklinikum Freiburg. Er ist auf die molekulare Diagnostik von entzündlichen Hautkrankheiten und Hautkrebs spezialisiert. Sein Fokus liegt dabei auf der Neuklassifizierung von Hautkrankheiten mittels molekularer Endotypen zur Verbesserung der Präzisionsmedizin. Er verfolgt das schon länger und macht viele innovative Dinge, auch pathologisch. Im Prinzip versucht man, aus möglichst wenig Material – idealerweise via Tape-Stripping, ob das irgendwann klappt, steht aber noch in den Sternen – auf einem Chip eine relativ komplexe RNA-Analyse und Quantifizierung hinzubekommen. Wenn ich das ideale Szenario also einmal ausmalen darf: Man nimmt einfach mittels Tesafilm ein bisschen von der Haut oben ab – aus der Stelle, die interessiert –, gibt das auf die Disc, und die macht dann innerhalb von zwei Stunden eine komplette RNA-Isolierung und eine PCR. Das klingt ein bisschen wie bei Tumoren, aber die Techniken werden immer besser. Das heißt: wir brauchen vielleicht gar nicht viel Proben material und können daraus Genexpressionen sequenzieren, die relativ typisch für diese Erkrankung sind. Und dann kann man recht schnell – vielleicht sogar besser als aus der Gewebeprobe, aus der Morphologie – diagnostizieren. Denn die Gewebeprobe ist etwas, das sich wahrscheinlich seit 100 Jahren nicht verändert hat. Jetzt haben wir KI, die Muster vielleicht besser erkennt, aber letztendlich ist es immer noch Morphologie: pathologische Betrachtung. Ich schaue eben: Wie liegen die Zellen, wie sieht es aus?
Die RNA ist hingegen natürlich viel spezifischer. Oft sind Bilder klinisch ähnlich. Beispiel: Ekzem und Psoriasis sehen extrem ähnlich aus – es schuppt, es ist rot. Und auch in der Pathologie ist es fast identisch. Aber die Gene sind völlig unterschiedlich. Da kann man eine sehr scharfe Trennung vornehmen. Spannenderweise ist das, was man oben an der Hornschicht herausbekommt, vom Proteinbesatz nicht viel anders als das, was sich darunter abspielt. Das wäre also wirklich toll, wenn man in Zukunft nur ein paar Hautstellen von oben abnehmen muss und über Genanalyse oder RNA-PCR-Analyse äußerst präzise Diagnosen stellen kann.
DISKURS Dermatologie: Das klingt vielversprechend. Gibt es in diesem Bereich auch Ansätze, die bereits praxistauglich und im klinischen Alltag einsetzbar sind?
Prof. Quist:
Wir haben jetzt tatsächlich die ersten beiden Indikationen – Ekzem vs. Psoriasis –, die wir damit differenzieren können, und diese Methode setzen wir auch schon ein. Wir sind noch nicht beim Tape-Stripping, momentan wird noch Material aus dem Paraffinblock genutzt, also dem, was in der Pathologie aus dem Probenmaterial in Paraffin gegossen wird. Da reichen zwei, drei Schnitte aus – also wirklich minimale Mengen. Wenn man das auswertet, hat man innerhalb von zwei Stunden die eindeutige differentialdiagnostische Information, worum es sich handelt. Wenn man das im Labor machen würde, würde man mehrere Tage brauchen.
Es gibt auch andere Diagnosen, die klinisch und histologisch nah beieinander liegen. In der Pathologie kann es zum Beispiel Ekzem vs. Lymphom sein: letzteres sind bösartige Lymphzellen, die im ersten Moment wie eine atopische Dermatitis aussehen. Da kann ich das anhand der Gensequenz sehr gut unterscheiden – was mir sonst sehr schwerfallen würde. Da sind wir schon an der Praxistauglichkeit dran.
Natürlich wäre es eine tolle Weiterentwicklung, mehrere Diagnosen nebeneinander diskriminieren zu können – nicht nur zwei – oder mehrere Gene. Momentan beschränkt es sich auf zwei Gene. Aber das ist natürlich eine Herausforderung auf so einer „Diskette”: Das Lösungsmittel „wandert” auch und verschiebt das Material. Das ist technisch anspruchsvoll.
DISKURS Dermatologie: Einen ähnlichen diagnostischen Fortschritt verspricht das Thema „Liquid Biopsy“ . Wo sehen Sie hier Perspektiven in der Dermatologie?
Prof. Quist: Liquid Biopsy ist spannend, weil es um die Frage geht: Wie klein ist die Menge DNA, die ich aus dem Blut isolieren kann? Das wird sicher weitergehen, und es wird vor allem für die Tumorausbreitung spannend sein. Wenn man sagt: hat jemand Metastasen, die vielleicht kommen? Momentan ist man da oft in einer Blackbox. Man hat den Tumor reseziert, macht Kontrollen der Lymphknoten, Blutuntersuchungen und so weiter. Aber häufig merkt man relativ spät, dass der Tumor streut.
Vielleicht könnte man mittels Liquid Biopsy viel früher sagen: hier sind schon Zellen im Blut. Dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Metastasierung hoch. Dann könnte ich früher wissen, wer metastasiert, und könnte entsprechend früher beginnen, diesem Geschehen therapeutisch entgegenzuwirken.
DISKURS Dermatologie: Wenn wir schon beim Blick in die – hoffentlich nähere – Zukunft sind: welche Chancen sehen Sie für Impftherapien bei Melanomen?
Prof. Quist: Auch da tut sich ja gerade Einiges, da sind wir dank mRNA Technologie wirklich weitergekommen. Das ist sehr spannend. Ein Melanom ist eben inhärent immunanfällig. Da haben wir vielleicht tatsächlich eine gute Chance, irgendwann zu „Krebsimpfungen“ zu kommen.
DISKURS Dermatologie: Gibt es einen anderen Bereich, den wir noch gar nicht angesprochen haben, in dem Sie vielversprechende Zukunftsperspektiven vermuten?
Prof. Quist: Den gibt es tatsächlich: Mikrobiomanalysen der Haut. Das wird sicher in den nächsten Jahren kommen. Wir reden beim Mikrobiom – zurecht – oft vom Darm, aber das Thema ist auch bei der Haut spannend. Es gibt Erkrankungen wie Akne und Rosazea, die oft mit einem „falschen” Mikrobiom assoziiert sind. Da wird es vielleicht Möglichkeiten geben, dass man sagt: ich schaue mir an, wie das Mikrobiom aussieht, und leite daraus konkrete Behandlungsmöglichkeiten ab. Es gab bei der letztjährigen DERM einen hochinteressanten Erfahrungsbericht darüber, wie man mit Mikrobiomtherapie – also „guten” Bakterien, die man als Pflegekomponente auf die Haut bringt – die Hautbesiedlung wieder normalisieren kann.
Das ganze ist eine Entwicklung, die durch NGS – also Next Generation Sequencing – sicher nochmal deutlich beschleunigt wird. Man streicht dann einfach ein Stück von der Hautoberfläche ab und schaut: Wie sieht das Mikrobiom überhaupt aus? Und dann hat man plötzlich einen ganz anderen, höchst individuellen Datensatz zu dem jeweiligen Patienten und einen ganz neuen Ansatzpunkt für die Behandlung.
DISKURS Dermatologie: Sehr geehrter Herr Prof. Quist, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte S. Höppner.
