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„Der Facharztvorbehalt ist die einzige verlässliche Lösung“

Interview mit DGÄPC-Präsidentin Dr. med. Michaela Montanari (Bochum)

In der Debatte um den Facharztvorbehalt und die zunehmende Kommerzialisierung der Ästhetik hat sich Dr. med. Michaela Montanari als eine der profiliertesten Stimmen positioniert. Seit November 2025 führt die Bochumer Fachärztin als erste Frau die DGÄPC – und das in einer Phase, in der sich die Branche zwischen Social-Media-Hypes und medizinischer Ethik neu sortieren muss. In ihrer täglichen Praxis befasst sie sich intensiv mit den Schattenseiten unregulierter Behandlungen. Als Spezialistin für komplexe Revisionschirurgie nach Filler-Komplikationen und Vorreiterin in der funktionell-ästhetischen Intimchirurgie weiß sie genau, wo die Grenzen der „Lunchtime-Treatments“ liegen sollten. Sie gilt als Verfechterin einer Ästhetik, die chirurgische Exzellenz nicht als Lifestyle-Produkt, sondern als hochspezialisierte Medizin begreift. Im Gespräch ordnet sie die aktuellen gesundheitspolitischen Weichenstellungen für das Jahr 2026 ein.

MÄC:

Frau Dr. Montanari, Sie sind seit November 2025 die erste Präsidentin in der Geschichte der DGÄPC. Eines Ihrer Kernziele ist der verbindliche Facharztvorbehalt. Warum ist dieser Schutzbegriff gerade jetzt, angesichts der Zunahme von „Billig-Anbietern“ und Kettenmodellen, die einzige Lösung für den­ Patient*innenschutz?

Dr. Montanari:

Der Markt für ästhetische Behandlungen entwickelt sich derzeit in eine Richtung, die aus medizinischer Sicht zunehmend kritisch zu bewerten ist. Wir sehen Fälle, bei welchen Eingriffe von unzureichend qualifizierten Behandlern durchgeführt werden, Komplikationen nicht erkannt oder falsch behandelt werden – und gleichzeitig eine starke Kommerzialisierung durch Kettenmodelle und aggressive Marketingstrategien stattfindet. Beispiele wie komplikationsreiche Eingriffe im nichtärztlichen Bereich oder kostenlose Behandlungen zu Marketingzwecken verdeutlichen diese Entwicklung. Im Sinne des Patientenschutzes muss daher klar definiert werden, welche Facharztrichtung welche Behandlungen durchführen darf. Der Facharztvorbehalt ist aus meiner Sicht die einzige verlässliche Lösung, weil er eine strukturierte, überprüfbare Qualifikation voraussetzt. Er stellt sicher, dass neben der technischen Durchführung auch Indikationsstellung, Aufklärung und Komplikationsmanagement auf einem fachlich fundierten Niveau erfolgen.

MÄC:

Die DGÄPC fordert, dass ästhetische Eingriffe nur von Fachärzten durchgeführt werden dürfen, die dies in ihrer Weiterbildungsordnung (WBO) verankert haben. Wie reagiert die Gesundheitspolitik 2026 auf diese Forderung nach einer klaren Trennung zwischen „approbierten Ärzten“ und „qualifizierten Fachärzten“?

Dr. Montanari:

Wir sehen erste politische Impulse, etwa durch einzelne Initiativen im Bundestag oder durch Diskussionen auf Ebene der Ärztekammern, beispielsweise zur Überarbeitung des Heilpraktikerrechts oder zur Einführung eines Arztvorbehalts für bestimmte Eingriffe. Diese Ansätze sind wichtige erste Schritte, greifen aus unserer Sicht jedoch zu kurz. Das zentrale Problem bleibt bestehen: Es wird bislang nicht ausreichend zwischen approbierten Ärzten und tatsächlich qualifizierten Fachärzten mit entsprechender Weiterbildung differenziert. Für einen effektiven Patientenschutz ist diese Unterscheidung jedoch essenziell. Wir benötigen eine klare gesetzliche Regelung, die ästhetische Eingriffe an eine definierte fachärztliche Qualifikation bindet. Solange diese Klarheit fehlt, bleibt der Markt intransparent – mit entsprechenden Risiken für Patienten.

MÄC:

Wir beobachten einen massiven Anstieg bei 18- bis 25-Jährigen („Baby-Botox“). Sie warnen regelmäßig vor dem Einfluss von Social Media. Ab wann müssen verantwortungsvolle Fachärzt*innen die Behandlung verweigern, um nicht zu Erfüllungsgehilfen von KI-­ generierten Körperidealen zu werden?

Dr. Montanari:

Ein verantwortungsvoller Facharzt ist kein Erfüllungsgehilfe, sondern medizinischer Berater. Unsere Aufgabe ist es, Patienten bei ihrer Entscheidungsfindung zu begleiten – und dazu gehört auch, Behandlungen abzulehnen, wenn sie medizinisch nicht sinnvoll oder die Erwartungen unrealistisch sind. Gerade bei jüngeren Patienten sehen wir einen starken Einfluss sozialer Medien. Dabei handelt es sich häufig weniger um reale Trends als um eine durch Algorithmen verstärkte Wahrnehmung innerhalb der eigenen Timeline. Diese kann, neben allen Möglichkeiten sich selbst mit Filtern zu optimieren, ein verzerrtes Bild von Ästhetik und Normalität erzeugen. Spätestens dann, wenn keine medizinische Indikation vorliegt oder die Motivation primär auf solchen verzerrten Idealen beruht, ist ein klares ärztliches „Nein“ Ausdruck professioneller Verantwortung.

MÄC:

Die DGÄPC setzt sich für Transparenz bei bearbeiteten Bildern ein. Sehen Sie eine Chance, dass wir 2026/27 eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für KI-optimierte ästhetische Werbung bekommen, ähnlich wie in anderen EU-Ländern?

Dr. Montanari:

Wir setzen uns seit mehreren Jahren aktiv für mehr Transparenz in der ästhetischen Kommunikation ein, unter anderem durch entsprechende Initiativen und Petitionen, die bereits auf politischer Ebene eingebracht wurden. Bisher ist die Umsetzung jedoch zurückhaltend, da andere Themen seitens der Politik priorisiert werden. Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende gesellschaftliche und politische Sensibilisierung für KI, Deepfakes und digitale Manipulation. Diese Entwicklung könnte auch im Bereich der ästhetischen Medizin zu regulatorischen Fortschritten führen. Sollte eine direkte gesetzliche Regelung weiterhin ausbleiben, werden Plattformbetreiber stärker in die Verantwortung genommen werden müssen. Unser Ziel bleibt klar: mehr Transparenz für Patienten – und wir werden dieses Thema weiterhin aktiv vorantreiben.

MÄC:

Sie gelten als eine der führenden Expertinnen für weibliche Intimchirurgie. Oft wird dieser Bereich als „Lifestyle“ abgetan – wie begegnen Sie dem hohen Leidensdruck Ihrer Patientinnen fachlich, wenn es um funktionelle Korrekturen vs. reine Ästhetik geht?

Dr. Montanari:

In der Praxis zeigt sich, dass die Übergänge zwischen funktionellen und ästhetischen Anliegen häufig fließend sind. Viele Patientinnen leiden über Jahre – nicht selten bis zu fünf Jahre – bevor sie sich überhaupt zu einem Beratungsgespräch entschließen. Ein vertrauensvoller, sensibler Umgang ist hier entscheidend. Häufig entsteht im Gespräch ein sehr persönlicher Austausch, der es ermöglicht, die individuelle Situation umfassend zu verstehen und medizinisch einzuordnen. Gleichzeitig gilt auch in diesem Bereich: Nicht jeder Wunsch ist automatisch eine Indikation. Voraussetzung für eine Behandlung ist, dass sie medizinisch nachvollziehbar und verantwortbar ist. Unrealistische oder nicht begründbare Erwartungen sollten klar adressiert werden – auch mit der Bereitschaft, eine Behandlung abzulehnen.

MÄC:

Einzigartig ist Ihr Fokus auf die Behandlung von Fremdkörperreaktionen und Filler-Komplikationen. Warum ist die Expertise für den Rückbau oder die Korrektur misslungener Fremdeingriffe heute fast so wichtig wie die Primäroperation selbst?

Dr. Montanari:

Die zunehmende Relevanz von Korrekturbehandlungen ist eine direkte Folge der aktuellen Marktentwicklung. Unzureichend qualifizierte Behandler, fehlende Erfahrung im Risikomanagement und ein wachsender, teilweise unregulierter Produktmarkt führen dazu, dass Komplikationen häufiger auftreten. Hinzu kommt, dass über Online- Plattformen Produkte verfügbar sind, die in der EU keine Zulassung haben, sowie eine Zunahme von Produktfälschungen. Das Management solcher Komplikationen erfordert ein hohes Maß an Erfahrung, anatomischem Verständnis und klinischer Entscheidungsfähigkeit. Insofern ist diese Expertise heute nahezu gleichwertig mit der Primärbehandlung und sollte integraler Bestandteil jeder fundierten Aus- und Weiterbildung sein.

MÄC:

In der Mammachirurgie sehen wir einen Trend weg von „Big is ­ Beautiful“ hin zu Hybrid-Techniken wie Implantat und Eigenfett. Wie hat sich die Erwartungshaltung Ihrer Patientinnen an die Nachhaltigkeit und Sicherheit von Implantaten in den letzten Jahren verändert?

Dr. Montanari:

Wir beobachten seit einigen Jahren einen klaren Trend hin zu natürlicheren Ergebnissen. Das spiegelt sich auch in der aktuellen DGÄPC-Statistik wider, bei welcher in der Gesamtzielgruppe erstmals Bruststraffungen häufiger durchgeführt werden als klassische Augmentationen mit Implantaten. Gleichzeitig haben Diskussionen um Implantatsicherheit, Themen wie BII (Breast Implant Illness) sowie frühere Implantatskandale die Wahrnehmung vieler Patientinnen beeinflusst. Sicherheit und Langfristigkeit spielen heute eine deutlich größere Rolle in der Entscheidungsfindung. Dennoch bleibt die Implantatchirurgie – ins- besondere bei jüngeren Patientinnen – ein relevanter Bestandteil der ästhetischen Brustchirurgie. Entscheidend ist heute eine individuelle, differenzierte Beratung mit dem Ziel eines nachhaltigen, natürlichen Ergebnisses.

MÄC:

Sie leiten selbst Kurse für­ Kolleg*innen im Bereich Injectables. Reicht das aktuelle WBO-System aus, um die anatomische Präzision zu vermitteln, die für Hochrisiko-Areale wie z.B. Glabella oder Nase nötig ist, oder brauchen wir Masterclasses als Pflichtnachweis?

Dr. Montanari:

Die Weiterbildung zum Facharzt bildet eine sehr solide Grundlage, insbesondere im Hinblick auf anatomisches Verständnis und chirurgische Prinzipien. Sie kann jedoch nicht alle Spezialisierungen der ästhetischen Medizin in der notwendigen Tiefe abdecken. Gerade in Hochrisiko-Arealen ist neben der Grundausbildung eine strukturierte, vertiefende Weiterbildung essenziell. Hier sehen wir einen klaren Bedarf an standardisierten Fortbildungsformaten, die über klassische Kurse hinausgehen. Spezialisierte Masterclasses oder strukturierte Curricula können dazu beitragen, die notwendige Präzision und Sicherheit weiter zu verbessern und sollten perspektivisch eine größere Rolle im Weiterbildungssystem einnehmen.

MÄC:

Die DGÄPC hat in diesem Frühjahr die DGÄPC Akademie ins Leben gerufen. Welchen Stellenwert hat hierbei die Vermittlung von unter- nehmerischem Wissen für junge Fachärzte, die sich 2026 in einem hart umkämpften Markt niederlassen wollen?

Dr. Montanari:

Die DGÄPC Akademie wurde gegründet, um eine strukturierte Weiterbildung über die klassische Facharztausbildung hinaus anzubieten. Dabei geht es nicht nur um medizinische Inhalte, sondern um ein ganzheitliches Verständnis der späteren Tätigkeit in der Niederlassung. Ein wesentlicher Bestandteil ist auch die Vermittlung unternehmerischer Kompetenzen. Themen wie Praxisführung, wirtschaftliche Planung oder Patientenkommunikation spielen für eine erfolgreiche Niederlassung eine zentrale Rolle, werden jedoch in der klinischen Ausbildung kaum vermittelt. Unser Ziel ist es, junge Fachärzte bestmöglich auf die Realität der eigenen Praxis vorzubereiten – fachlich wie unternehmerisch.

MÄC:

Wenn wir uns am Ende Ihrer ersten Amtszeit wiedertreffen: Welchen Erfolg im Kampf gegen die Deprofessionalisierung der Ästhetischen Chirurgie möchten Sie bis dahin für die DGÄPC verbucht haben?

Dr. Montanari:

Realistisch betrachtet sind zwei Jahre ein überschaubarer Zeitraum. Mein Ziel ist es daher, zunächst eine stärkere gemeinsame Position der Fachgesellschaften und relevanten Akteure zu erreichen. Ein wichtiger Schritt wäre, dass sich alle beteiligten Fachrichtungen klar für verbindliche Standards in Aus- und Weiterbildung aussprechen und diese gemeinsam gegenüber der Politik vertreten. Darüber hinaus liegt mir der Schutz jüngerer Menschen besonders am Herzen. Die Beeinflussung durch soziale Medien beginnt lange vor dem 18. Lebensjahr. Hier brauchen wir mehr Aufmerksamkeit und klare Leitlinien, um frühzeitig Orientierung zu geben und Fehlentwicklungen vorzubeugen.

MÄC:

Sehr geehrte Frau Dr. Montanari, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte S. Höppner.