Ein Fach – vier Säulen – viele Perspektiven
Interview mit den Kongresspräsidenten Dr. med. Nuri Alamuti und Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Ulrich Rieger zur DGPRÄC-Jahrestagung 2026
Plastische Chirurgie kann rekonstruieren, verfeinern, Grenzen verschieben – und muss sich dabei immer wieder selbst hinterfragen. Unter dem Motto „Menschen bewegen, Vielfalt erleben“ wollen die Kongresspräsidenten Dr. med. Nuri Alamuti und Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Ulrich Rieger auf der 56. Jahrestagung der DGPRÄC vom 10. bis 12. September 2026 in Düsseldorf genau diese Spannweite sichtbar machen.
Ihr Programm führt die vier Säulen des Faches mit Ästhetik, Ethik, Nachwuchsförderung und wissenschaftlichen Grenzthemen zusammen: von der Rhinoplastik und Brustrekonstruktion über Künstliche Intelligenz bis zur Frage, welche Rolle die zervikale Lymphchirurgie künftig bei neurodegenerativen Erkrankungen spielen könnte. Im Gespräch formulieren beide Kongresspräsidenten ein gemeinsames Ziel: das Fach soll wissenschaftlich offen, klinisch verantwortungsvoll und als Gemeinschaft wieder enger zusammengedacht werden.

MÄC:
Herr Dr. Alamuti, Herr Prof. Rieger, die diesjährige DGPRÄC-Jahrestagung steht unter dem Motto „Menschen bewegen, Vielfalt erleben“. Was bedeutet dieses Motto für Sie persönlich und für das Fach insgesamt
Dr. Alamuti:
Das Motto ist eng mit unserer gemeinsamen plastisch-chirurgischen Prägung im Rhein-Main-Gebiet verbunden. Prof. Rieger leitet heute die Klinik am Markus Krankenhaus, aus der auch ich ursprünglich komme. Ich habe diese Frankfurter Schule immer als innovativ und offen erlebt – sowohl gegenüber der ganzen Breite unseres Faches als auch gegenüber Menschen mit besonderen körperlichen und psychosozialen Belastungen. Diese Verbindung aus fachlicher Vielfalt, Offenheit und menschlicher Verantwortung wollten wir sichtbar machen. Ein plastisch-chirurgische Kongress ist naturgemäß wissenschaftlich und akademisch. Wir möchten diese Qualität erhalten und zugleich stärker zeigen, was unser Handeln für den einzelnen Menschen bedeutet. Frankfurt hatten wir zunächst tatsächlich auch als Veranstaltungsort geprüft, für die räumlichen und organisatorischen Anforderungen einschließlich der Industrieausstellung bot Düsseldorf jedoch die besseren Voraussetzungen und hat sich bereits als DGPRÄC-Kongressstandort bewährt. Unsere erwähnte gemeinsame Prägung aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet bringen wir aber inhaltlich mit nach Düsseldorf – als Ausgangspunkt für ein offenes Programm.
Prof. Rieger:
Vielfalt beschreibt zunächst unsere Patientinnen und Patienten, die unterschiedlichen Teilbereiche des Faches und die sehr verschiedenen Arbeitswelten unserer Kolleginnen und Kollegen – von Universitätskliniken und großen Krankenhäusern bis zur Niederlassung. Erstmals widmen wir zudem zwei Sitzungen den Themen Transidentität und Diversität. Damit greifen wir eine gesellschaftliche Entwicklung auf, die auch innerhalb unserer Fachgesellschaft deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Besonders wichtig ist mir außerdem, dass wir nach vielen Jahren die österreichische und die schweizerische Fachgesellschaft wieder als Gastgesellschaften einbinden und den deutschsprachigen Austausch über Landesgrenzen hinweg stärken. Das hat auch mit meiner eigenen Biografie zu tun: ich habe meine fachärztliche Ausbildung in Basel begonnen und später in Innsbruck gearbeitet und habilitiert, bevor ich nach Frankfurt kam. Unterschiedliche Ausbildungs- und Gesundheitssysteme kennenzulernen, erweitert den Blick – überall gibt es Erfahrungen, von denen die anderen profitieren können. Menschen zu bewegen ist dabei nicht nur körperlich gemeint. Rekonstruktiv können wir Funktionen wiederherstellen und Lebensqualität verbessern; ästhetisch können wir Menschen helfen, sich in ihrem Körper wieder wohler zu fühlen. Zugleich soll sich auch unser Fach weiterbewegen – durch wissenschaftlichen Austausch, neue Perspektiven und die kritische Reflexion unseres Handelns.
MÄC:
Das Programm verbindet die vier Säulen des Fachgebietes mit Forschung, Innovation, Ethik, Weiterbildung und Komplikationsmanagement. Welche Leitidee stand hinter der Auswahl?
Prof. Rieger:
Wir wollten keinen Kongress gestalten, bei dem einzelne Teilbereiche lediglich nebeneinanderstehen. Bei bis zu acht parallelen Sitzungen besteht diese Gefahr durchaus. Unser Anspruch ist deshalb, die unterschiedlichen Bereiche, Arbeitsformen und Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Dafür muss man auch innerhalb des eigenen Faches über den Tellerrand schauen: Klinik, Niederlassung, Wissenschaft und besondere Versorgungsbereiche gehören gemeinsam an einen Tisch. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ethik. Im Presidential Panel diskutieren wir Grenzen, Maßstäbe und Verantwortung in der Ästhetik und beziehen mit dem Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio bewusst eine externe Perspektive ein. Gerade ein modernes und vielfältiges Fach muss sich nicht nur fragen, was es kann, sondern auch, was es verantworten kann.
Dr. Alamuti:
Darüber hinaus finden wir es wichtig, die häufig weniger sichtbare wissenschaftliche Arbeit deutlicher zu machen. Was in Laboren und universitären Einrichtungen entsteht, lässt sich medial oft weniger spektakulär darstellen als ästhetische Eingriffe, hat für unsere Patientinnen und Patienten aber enorme Bedeutung – etwa durch Fortschritte in der Mikrochirurgie und der rekonstruktiven Brustchirurgie. Gleichzeitig müssen wir die Ästhetische Chirurgie wesentlich stärker integrieren. Im Zuge der Longevity-Debatte und durch soziale Medien wächst der Wunsch, lange gesund und möglichst jung auszusehen. Dieses Feld dürfen wir nicht ausschließlich kommerziellen Interessen überlassen. Auch ästhetische Verfahren benötigen wissenschaftliche Evidenz, nachvollziehbare Indikationen, qualifizierte Aus- und Weiterbildung und ein konsequentes Komplikationsmanagement.
MÄC:
Mit der neuen DGPRÄC Aesthetic Masters Series sollen Eingriffe nahezu wie bei einer Live-Operation vermittelt werden. Welche Lücke soll das Format schließen?
Prof. Rieger:
Die ursprüngliche Idee der Aesthetic Masters Series geht auf Dirk Richter zurück; für den Düsseldorfer Kongress haben wir sie gemeinsam weiterentwickelt. Mit dem Near-to-Live-Format werden ästhetische Eingriffe anhand längerer, gezielt editierter OP-Videos Schritt für Schritt erklärt. Internationale Experten zeigen ihre Techniken, zugleich be- richten jüngere Kolleginnen und Kollegen, wie sie einen Eingriff erlernt haben, wo Schwierigkeiten lagen und welche Erfahrungen ihnen geholfen haben. Dadurch lässt sich etwas vermitteln, das man sonst vor allem bei Live-Operationen oder in OP-Kursen erleben kann.
Dr. Alamuti:
Früher waren wissenschaftliche Kongresse häufig sehr akademisch und nüchtern. Kolleginnen und Kollegen, die sich vor allem für Ästhetische Chirurgie interessierten, wandten sich deshalb teilweise anderen Formaten zu. Damit wuchs die Gefahr, dass Fortbildung stärker von Herstellern, kommerziellen Kursangeboten oder nicht ausreichend qualitätsgesicherten Strukturen geprägt wurde. Mit der Aesthetic Masters Series wollen wir einen Bogen zwischen wissenschaftlicher Fachgesellschaft und praktischer ästhetischer Chirurgie spannen. Operative Strategien, entscheidende Schritte und mögliche Fehlerquellen werden nachvollziehbar vermittelt und kritisch diskutiert. Gleichzeitig geben wir jüngeren Kolleginnen und Kollegen eine Perspektive – für eine qualifizierte klinische Tätigkeit ebenso wie für eine spätere Niederlassung. Ästhetische Chirurgie gehört zu unserem Fach und muss mit derselben Sorgfalt und wissenschaftlichen Haltung betrieben werden wie die rekonstruktiven Bereiche.
MÄC:
Herr Dr. Alamuti, Sie führen den Vorsitz in der Sitzung „A Surgeon’s Journey“ und haben Elizabeth Hall-Findlay als wichtige Mentorin erlebt. Was braucht chirurgischer Nachwuchs, um nicht nur Techniken, sondern auch Verantwortung zu lernen?
Dr. Alamuti:
Eine fundierte klinische Weiterbildung ist entscheidend, weil junge Kolleginnen und Kollegen dort nicht nur erfolgreiche Eingriffe sehen, sondern auch Komplikationen, Revisionen und die Grenzen operativer Möglichkeiten kennenlernen. Wer viel operiert, wird trotz aller Sorgfalt Komplikationen erleben. Entscheidend ist, sie frühzeitig zu erkennen, angemessen zu behandeln und das eigene Vorgehen kritisch zu reflektieren. Dafür braucht es Mentorinnen und Mentoren, die mehr vermitteln als technische Handgriffe: Wann ist eine Operation sinnvoll? Wann sollte man abraten? Wie geht man mit einem Ergebnis um, das nicht wie geplant verläuft? Ende der 1990er-Jahre haben wir z.B. Langzeitergebnisse nach Brustverkleinerungen kritisch nachuntersucht. Dabei wurde deutlich, dass unmittelbar überzeugende Resultate langfristig nicht immer unseren Ansprüchen entsprachen. Diese Erkenntnis war ernüchternd, aber fachlich ausgesprochen wertvoll. Auf der Suche nach einem zuverlässigeren Vorgehen lernte ich Elizabeth Hall-Findlay und ihre Technik kennen. Mich überzeugten ihre operative Systematik, ihre Ergebnisse und ihre klare, kritische Haltung. Über viele Jahre war sie für mich eine Mentorin, bei der ich mit ehrlichen Antworten rechnen konnte. Genau solche Leuchttürme braucht man im Beruf. Erfahrung entsteht durch strukturierte Ausbildung, kontinuierliche Begleitung und die Bereitschaft, Ergebnisse und eigene Fehler offen zu analysieren.
MÄC:
Beim Rhinoplastik-Programm stehen strukturelle, Preservation- und hybride Verfahren im Mittelpunkt. Welche Entwicklung möchten Sie damit sichtbar machen?
Dr. Alamuti:
Die Rhinoplastik gehört zu meinen persönlichen Schwerpunkten und ist aus meiner Sicht eine der anspruchsvollsten Operationen der Plastischen Chirurgie. Sie verlangt eine präzise Auseinandersetzung mit Form und Funktion: Die Nase prägt das Gesicht, ist zugleich aber ein funktionelles Organ. Ein ästhetisch überzeugen- des Ergebnis darf deshalb weder die Atmung noch die strukturelle Stabilität beeinträchtigen. Früher wurden häufig vergleichsweise große Anteile von Knorpel und Knochen entfernt. Moderne Preservation-Konzepte versuchen – bei geeigneten Ausgangsbefunden – Strukturen zu erhalten und ihre Lage oder Form gezielt zu verändern. Strukturelle und hybride Verfahren behalten daneben ihren Stellenwert. Entscheidend ist nicht, eine Technik grundsätzlich zur besten zu erklären, sondern sie an Anatomie, Funktion, Voroperationen und Behandlungsziel anzupassen. Mit dem Panel möchten wir plastische Chirurginnen und Chirurgen ermutigen, sich wieder intensiver mit der Nasenchirurgie zu beschäftigen. Gerade die Verbindung von ästhetischer Formgebung und funktioneller Rekonstruktion gehört zum Kern unseres Faches. Schon Jacques Joseph verband in seinem Werk die Rhino- mit der Mammaplastik. Für mich unterstreicht das, wie selbstverständlich die Nasen- chirurgie historisch zur Plastischen Chirurgie gehört.
MÄC:
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen einem vertretbaren ästhetischen Wunsch und einer ärztlich nicht mehr zu verantwortenden Intervention – und welche Orientierung kann eine Fachgesellschaft hier geben?
Dr. Alamuti:
Eine klare Grenze ist erreicht, wenn ein Wunsch Anatomie und Funktion missachtet, ein unverhältnismäßiges Risiko erzeugt oder außerhalb dessen liegt, was medizinisch verantwortbar umgesetzt werden kann. Ebenso sollte niemand eine Operation anbieten, für die ihm die notwendige Erfahrung fehlt. Ärztliche Kompetenz bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen. Hinzu kommt die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Entscheidung. Mein Vater war ebenfalls Arzt und hat mir sinngemäß vermittelt, dass man sich im entscheidenden Moment fragen muss, ob man primär Arzt oder Verkäufer sein möchte. Als Arzt muss man bereit sein, von einer Behandlung abzuraten und einem Menschen zu vermitteln, dass nicht jede wahrgenommene Abweichung korrigiert werden muss. Ein großes Problem ist heutzutage, dass die sogenannten Sozialen Medien unrealistische Vorstellungen massiv verstärken können – von überzeichneten Körperproportionen bis zum Wunsch sehr junger Menschen nach frühzeitigen Facelift-Operationen. Unsere Aufgabe ist nicht, jeden Wunsch technisch umzusetzen, sondern Nutzen, Risiken, Langzeitfolgen und Motivation sorgfältig einzuordnen. Bei Fillern, Lasern und Energy-based Devices braucht es qualifizierte Schulung, unabhängige wissenschaftliche Bewertung und ein funktionierendes Komplikationsmanagement.
Prof. Rieger:
Verbindliche Standards klingen zunächst nach einer einfachen Lösung, in der Ästhetik lässt sich jedoch nicht jeder Eingriff vollständig standardisieren. Eine zentrale Aufgabe der DGPRÄC sehe ich deshalb darin, Transparenz herzustellen: welche Ausbildung hat eine Behandlerin oder ein Behandler durchlaufen, welche Grundlagen und Erfahrungen liegen vor und welche Leistungen können seriös angeboten werden? Begriffe wie „Schönheitschirurg“ sind ja leider nicht geschützt. Das Mitgliederverzeichnis der DGPRÄC macht dagegen sichtbar, wer die geregelte sechsjährige fachärztliche Weiterbildung absolviert hat. Diese nachvollziehbare Grundqualifikation ist für Patientinnen und Patienten eine wichtige Orientierung.
MÄC:
Herr Prof. Rieger, am Beispiel der Brustrekonstruktion wird deutlich, wie stark heute die individuelle Patientin in den Mittelpunkt rückt. Woran sollte sich die Wahl eines Verfahrens und sein Erfolg messen lassen?
Prof. Rieger:
Ich möchte gar nicht eine einzelne Sitzung oder ein einzelnes Verfahren herausheben. Der wesentliche Punkt ist: unsere Lösungsmöglichkeiten werden immer patientenbezogener und individueller. Es geht nicht darum, implantatbasierte, autologe oder hybride Rekonstruktionen grundsätzlich gegeneinander auszuspielen. Aus den medizinischen Voraussetzungen, Vorerkrankungen, der Ausgangssituation und den Wünschen der Patientin gilt es, die individuell beste Methode herauszufiltern. Wenn ein Implantat entfernt werden muss oder nicht mehr gewünscht ist, sind wir heute nicht auf einen erneuten Implantatersatz angewiesen. Je nachdem, ob die ursprüngliche Operation ästhetisch oder rekonstruktiv war, kommen unterschiedliche autologe rekonstruktive Verfahren oder formende Eingriffe infrage. Entscheidend ist die gemeinsame Entscheidungsfindung mit der Patientin. Zugleich verändert sich unser Verständnis von Erfolg. Eine Operation kann technisch hervorragend durchgeführt sein und dennoch an den Erwartungen oder der Lebenssituation der Patientin vorbeigehen. Patient- Reported Outcome Measures helfen uns als Instrumente zu verstehen, was Patientinnen tatsächlich wichtig ist. Trotzdem bleibt das hochsubjektiv: Wenn ich nach der Operation eine glückliche Patientin vor mir habe, dann habe ich es richtig gemacht.
MÄC:
Ihre Klinik bildet das gesamte Spektrum der Plastischen Chirurgie ab. Wie wichtig ist diese Breite für eine hochwertige Weiterbildung – gerade angesichts zunehmender Spezialisierung?
Prof. Rieger:
Es braucht beides. Zunächst ist eine breite Weiterbildung unverzichtbar. Was man in der rekonstruktiven Chirurgie lernt, kann in der Ästhetischen Chirurgie entscheidend sein; umgekehrt sollte ein guter rekonstruktiver Chirurg auch für ästhetische Proportionen und Ergebnisse sensibilisiert sein. Beide Bereiche bedingen und bereichern sich gegenseitig. Gleichzeitig gilt: je häufiger man einen Eingriff durchführt, desto versierter wird man in der Regel und desto komplikationsärmer und besser läuft er ab. Man braucht die Breite, um sich spezialisieren zu können; später braucht man dann die Spezialisierung.
MÄC:
Mit „Re-Thinking Alzheimer: Die Rolle der zervikalen Lymphchirurgie“ greift der Kongress ein ungewöhnliches und wissenschaftlich noch offenes Thema auf. Warum gehört es auf einen plastisch-chirurgischen Kongress?
Prof. Rieger:
Die zervikale Lymphchirurgie bei neurodegenerativen Erkrankungen ist ein Emerging Topic, das insbesondere in China intensiv verfolgt wurde. Wir sind jedoch weit davon entfernt, aus den bisherigen Erkenntnissen bereits etablierte Behandlungsmöglichkeiten abzuleiten. Auch in China wurde die Entwicklung inzwischen stärker reguliert und die Forschung auf ausgewählte Zentren begrenzt. Unsere Aufgabe als Kongress ist es, eine sachliche Diskussionsplattform zu bieten: Was wissen wir tatsächlich? Welche klinischen Beobachtungen gibt es und wie ist deren Evidenz ein- zuordnen? Mit internationalen und deutschsprachigen Expertinnen und Experten wollen wir den Wissensstand zusammentragen und kritisch beleuchten. Es geht ausdrücklich um wissenschaftlichen Austausch – nicht darum, heute bereits eine Therapieoption zu propagieren.
MÄC:
Wie wird aus einer klinischen Beobachtung eine belastbare Innovation? Ihre Klinik untersucht ja unter anderem den Einsatz von Tranexamsäure bei plastisch-chirurgischen Eingriffen?
Prof. Rieger:
Tranexamsäure ist ein gutes Beispiel für angewandte Innovation. Das Medikament ist seit vielen Jahren verfügbar und kostengünstig, wurde ursprünglich aber in anderen Indikationen eingesetzt. Unsere Arbeitsgruppe und weitere Zentren untersuchen, welchen Nutzen es bei verschiedenen plastisch-chirurgischen Eingriffen für Patientinnen und Patienten haben kann. Solche Ergebnisse müssen auf Kongressen vorgestellt, zwischen den Zentren verglichen und kritisch diskutiert werden. Anschließend folgen die statistische Auswertung und die wissenschaftliche Publikation; damit steigt das Evidenzniveau und die Erkenntnisse werden nachvollziehbar. Vor einer Publikation steht in der Regel der Kongressdiskurs. Die meiste Innovation passiert aus meiner Sicht in der Diskussion und in der Beobachtung.
MÄC:
Welche Entwicklung könnte die klinische Versorgung in den kommenden Jahren besonders verändern – und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz dabei?
Prof. Rieger:
Ein noch wenig angewandtes Feld ist die robotische Mikrochirurgie. Sie steht in vielen Bereichen am Anfang und wir wissen noch nicht, wohin die Entwicklung führt. Bei hoch stan- dardisierten technischen Schritten – etwa einer robotisch ausgeführten Anastomose – ist es zumindest vorstellbar, dass KI künftig stärker unterstützt oder einzelne Abläufe übernimmt. Ob dies tatsächlich mit geringerer Fehlerquote gelingt, ist derzeit allerdings Spekulation. Näher an der heutigen Praxis liegen Anwendungen in Diagnostik und Operationsplanung, beispielsweise bei der Auswahl geeigneter Perforatorgefäße für mikrochirurgische Lappenplastiken. Dass KI dabei die Erfahrung des Operateurs bereits ersetzen könnte, bezweifle ich. Medizin bleibt zudem von Soft Skills, Kommunikation und Menschlichkeit geprägt – Fähigkeiten, die sich nicht ohne Weiteres automatisieren lassen.
Dr. Alamuti:
Patientinnen und Patienten kommen schon heute mit digital bearbeiteten Bildern oder KI-basierten Simulationen in die Beratung. Diese können eine hilfreiche Gesprächs grundlage sein, solange klar bleibt, dass eine Simulation kein garantiertes Operationsergebnis darstellt. Auch bei der Vermessung von Defekten, der Planung von Lappenplastiken, der Bildauswertung oder Dokumentation kann KI unterstützen. Die endgültige Entscheidung hängt jedoch von Gewebequalität, Durchblutung, individueller Anatomie, geeigneten Entnahmeregionen, Vorerkrankungen und den Wünschen des Menschen ab. Plastische Chirurgie bleibt ein biologisches, psychologisches und kreatives Handwerk. KI kann Abläufe erleichtern, ersetzt aber weder ärztliche Verantwortung noch Erfahrung.
MÄC:
Zum Abschluss: welchen Impuls soll die Jahrestagung idealerweise über die einzelnen Sitzungen hinaus für das Fach setzen?
Prof. Rieger:
Wir möchten Kongresspräsidenten für das gesamte Fach sein. Die vier Säulen sind eine große Stärke, zugleich besteht immer die Gefahr, dass sich Gruppen, Institutionen und Arbeitsbereiche voneinander entfernen. Unser Ziel ist, sie wieder an einen Tisch zu bringen – wissenschaftlich und rekonstruktiv arbeitende Kliniken ebenso wie niedergelassene ästhetische Chirurginnen und Chirurgen, den Nachwuchs und internationale Partner. Der Kongress soll zeigen, was die unterschiedlichen Bereiche bewegt und wo sie voneinander lernen können.
Dr. Alamuti:
Ich wünsche mir ebenfalls, dass wir die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Bereiche unseres Faches wieder stärker zusammenführen. Wissenschaft, Rekonstruktion und qualitätsgesicherte Ästhetik sind keine getrennten Welten. Wenn es gelingt, die verschiedenen Perspektiven ins Gespräch zu bringen und nach außen deutlich zu machen, wofür fachärztliche Kompetenz, Evidenz und ethische Verantwortung stehen, wäre schon sehr viel erreicht.
MÄC:
Sehr geehrter Herr Dr. Alamuti, sehr geehrter Herr Prof. Rieger, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte S. Höppner.
