Diskurs

DERM 2019 – Neue Leitlinien: Dermato-Onkologie im Praxisalltag

Interview mit Prof. Dr. med. Uwe Reinhold, Bonn, Vorsitzender des Netzwerks onkoderm e.V.

Die aktuellen Entwicklungen in der Dermato-Onkologie bilden auf der DERM 2019, der Tagung Dermatologische Praxis in Frankenthal, einen Themenschwerpunkt: Im Rahmen des onkoderm-Symposiums am 15. März werden auch die onkoderm-Preise “Medikament des Jahres 2019“ sowie der “onkoderm-Wissenschaftspreis 2019“ an die diesjährigen Preisträger überreicht. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Uwe Reinhold, Vorsitzender des onkoderm e.V., über aktuelle Therapiekonzepte in der spezialisierten dermato-onkologischen Praxis.

DISKURS:

Herr Prof. Reinhold, welche Rolle spielt die Onkologie auf der Tagung DERM 2019 in Frankenthal?

Prof. Reinhold:

Das onkoderm-Symposium ist in den letzten Jahren traditionell ein Bestandteil der Tagung in Frankenthal: Die Dermato-Onkologie ja ein wichtiges Standbein der Dermatologen. Die Zahl der Patienten nimmt zu und wir bekommen auch immer mehr gut ausgebildete junge Kollegen in den Praxen, die über das gesamte Methodenspektrum der Dermato-Onkologie verfügen, die operieren können, die Systemtherapien einsetzen. Hier ist das onkoderm-Symposium ein wichtiges Forum für Fortbildung und Erfahrungsaustausch. Wir sind ja auch ein wachsender Verein und haben immer mehr Mitglieder.

DISKURS:

Das Programm des onkoderm-Symposium spiegelt alle in der Praxis relevanten Hauttumoren wider?

Prof. Reinhold:

Wir haben gewaltige Fortschritte gemacht innerhalb der Dermato-Onkologie, etwa bei der Behandlung des malignen Melanoms. Jahrzehntelang war Interferon die einzige adjuvante Therapie. Jetzt haben wir Zulassungen für die adjuvante Therapie, also für Melanome ab dem Stadium III, bei der zielgerichteten Therapie und in der Immunonkologie. Mit unseren Referenten decken wir alle Bereiche ab, die für niedergelassene Dermato-Onkologen in der Praxis relevant sind: Eine wichtige Frage ist hier, welche Konsequenzen sich aus der neuen Melanom-Leitlinie für die Praxis ergeben – hier wird Prof. Gutzmer mehr berichten. Die onkoderm-Zentren bieten ja eine flächendeckende Versorgung an und stellen in der Therapie von malignen Melanomen sicher auch eine Alternative zu Hautkrebstumorzentren in der Klinik dar.

DISKURS:

Was hat sich bei aktuellen Therapiekonzepten für epithelialen Hautkrebs getan?

Prof. Reinhold:

Wir haben ja den onkoderm-Therapiealgorithmus Basalzellkarzinom und aktinische Keratose aktualisiert. Damit stellen wir den Kollegen eine klare Handlungsanweisung für die Versorgung der Patienten mit epithelialem Hautkrebs in der Praxis zur Verfügung. Parallel dazu wurden die wissenschaftlichen Leitlinien der AWMF überabeitet. Dazu wird Prof. Dirschka erläutern, was sich in den neuen Leitlinien für epithelialen Hautkrebs geändert hat. Neben der bisher operativen Behandlung von Basalzellkarzinomen stehen bei besonderen, dünnen Formen von Basaliomen heute auch medikamentöse Therapien zur Verfügung, die mit in die Leitlinie eingegangen sind. Früher wurden alle Basaliome operiert, heute kann ein Teil davon mit topischen Therapeutika oder auch mit der photodynamischen Therapie (PDT) behandelt werden.

DISKURS:

In der photodynamischen Therapie wird inzwischen auch die Tageslichttherapie eingesetzt, wie sieht diese Behandlung bei Ihnen aus?

Prof. Reinhold:

In unserer Praxis setzen wir das ganze Jahr über die simulierte Tageslicht-PDT ein. Sie orientiert sich am Prinzip der Daylight-PDT, die in unseren Breitengraden aber bei schwankenden Wetterbedingungen nicht immer durchgeführt werden kann. Mit der Weiterentwicklung der simulierten Tageslicht-PDT schaffen wir konstante und kontrollierte Bedingungen, unter denen im Lichtraum in den Praxen mehrere Patienten gleichzeitig behandelt werden können. Auch in den skandinavischen Ländern, wo die Lichtzeiten für die Daylight-PDT noch geringer sind, wird die simulierte Tageslicht-PDT häufig eingesetzt: In Norwegen beispielsweise, wo die Kosten der PDT vom Gesundheitssystem übernommen werden, sind Tageslichträume wie beispielsweise der in Oslo das ganze Jahr über ausgebucht.

DISKURS:

Was hat sich in Diagnostik und Therapie aus Sicht der niedergelassenen Dermato-Onkologen getan?

Prof. Reinhold:

Die Diagnostik wurde durch neue Methoden revolutioniert: Wir erkennen mit der optischen Kohärenztomografie – darüber wird Frau Dr. Ulrich sprechen – sehr viel präziser sehr viel mehr Basalzellkarzinome, die man früher auch nicht immer biopsiert hat. Wir sehen immer mehr Patienten, die auch multiple Basaliome haben. Und wir haben inzwischen zwei Therapeutika, die zur PDT der Basaliome zugelassen sind. In der Diagnostik ist die die Melaninfluoreszenz von Muttermalen in der Dermatofluoroskopie ein neuer Ansatz zur Früherkennung von Melanomen. Die Elektrochemotherapie von epithelialem Hautkrebs wird inzwischen auch in einigen wenigen Zentren ambulant angeboten, es wird häufiger in den Kliniken angeboten. Man kann die Therapie sehr gut ambulant durchführen, hier fehlen jedoch noch die Vergütungsstrukturen. In anderen europäischen Ländern spielt die Elektrochemotherapie von Hauttumoren eine sehr viel größere Rolle als bei uns. Bei schlecht operablen Tumoren, bei multimorbiden Patienten, für die ein längerer Krankenhausaufenthalt nicht in Frage kommt, kann man die Elektrochemotherapie zur Tumorkontrolle sehr gut einsetzen.

DISKURS:

Bei der Behandlung von Aktinischen Keratosen kommt eine Vielzahl von Therapieoptionen zum Einsatz. Wie wichtig ist hier das persönliche Gespräch für die Auswahl der Behandlungsform?

Prof. Reinhold:

Hier ist der praktische Therapiealgorithmus eine Hilfe, wenn wir in der Praxis Patienten behandeln, für deren Diagnose die wissenschaftlichen Leitlinien mehrere Methoden mit gleicher Evidenzbasis empfehlen. Die Patienten werden ja auch immer älter, viele sind hochbetagt. Bei epithelialem Hautkrebs wird der Bedarf der ambulanten Versorgung immer größer, hier muss man manchmal ganz pragmatische Wege gehen und braucht alternative Optionen. Je nach Umfeld und Strukturen des Patienten muss abgeklärt werden, welche Therapien durchgeführt werden können, welche Komorbiditäten im Vordergrund stehen. Je nach individueller Situation der Patienten entscheiden wir hier – das ist ärztliche Tätigkeit, das ist Onkologie.

DISKURS:

onkoderm engagiert sich sehr in der Prävention von Hautkrebs, ein Schwerpunkt liegt auf der Aufklärung zum Thema “Heller Hautkrebs“. Sehen Sie hier schon Erfolge, etwa eine Veränderung im Verhalten ihrer ja oft chronisch kranken älteren Patienten?

Prof. Reinhold:

Das Bewusstsein der Bevölkerung für das Thema Hautkrebs nimmt immer mehr zu. Ein kleiner Beitrag in der Öffentlichkeitsarbeit war das Focus Gesundheit Sonderheft zum Thema Hautkrebs. Auch bei den Fachkollegen sehen wir inzwischen eine gesteigerte Awareness zu diesem Thema. Ein Beispiel ist die aktuelle Diskussion um das Diuretikum Hydrochlorothiazid (HCT): Unter diesem Blutdrucksenker wurde in einer Studie ein erhöhtes Risiko für epithelialen Hautkrebs beobachtet. Diese Studie ist noch in der wissenschaftlichen Diskussion. Ich stelle aber tagtäglich fest, dass Hausärzte ihre Patienten, die HCT einnehmen, gezielt mit der Frage nach Hautkrebsrisiko und HCT-Einnahme zu uns überweisen. Das Konzept der Prävention von Hautkrebs, die Aufklärung über entsprechende Schutzmaßnahmen und Sonnenschutz, ist ja ein Teil der Hautkrebsprävention, wenn Menschen zum Hautkrebsscreening in die Praxen kommen. Wir sind hier der Meinung, dass Hautkrebs- Präventionsberatung eher in die Hände des Hautarztes als des Apothekers gehört. Neben Verhaltensregeln, textilem und topischem Lichtschutz wurde ja auch der orale Lichtschutz mit dem Vitamin Nicotinsäureamid in die Leitlinien mit aufgenommen.

DISKURS:

Gibt es Neuerungen bei den Vergütungsstrukturen in der ambulanten Dermato-Onkologie?

Prof. Reinhold:

Wir haben große Fortschritte in der Behandlung der Patienten gemacht. Das Einzige, was schwierig ist, sind die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. In der Dermato-Onkologie spielt auch eine große Rolle, was für niedergelassene Dermatologen abrechenbar ist. Ein Beispiel ist ein besonderer Versorgungsvertrag zum Einsatz der PDT: Einige Betriebskrankenkassen übernehmen im Rahmen eines speziellen Vertrages die photodynamische Therapie auch bei den gesetzlich Versicherten – inklusive einer ordentlichen Vergütung für die Dermatologen. Hier engagierte sich auch onkoderm bei der Vertragsgestaltung. Diesem bundesweiten besonderen Versorgungsvertrag nach § 140a SGB V traten inzwischen noch einige Krankenkassen bei. Zu diesen Fragen wird Dr. Prieur in Frankenthal einen Überblick zur extrabudgetären Honorierung in der ambulanten Dermato-Onkologie geben.

DISKURS:

Sehr geehrter Herr Prof. Reinhold, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte M. Freyer.

 

onkoderm – das bundesweite Netzwerk aktiver Dermato-Onkologen

Prof. Dr. med. Uwe Reinhold ist Gründungsmitglied und seit 2012 Vorsitzender von onkoderm e.V., einem bundesweiten Netzwerk niedergelassener Dermato-Onkologen mit Schwerpunkt Onkologie und Systemtherapie. Dem Netzwerk gehören aktuell 31 Fachärzte aus fast allen Regionen Deutschlands an. Ziel von onkoderm ist es, die Dermatologie als integralen Bestandteil der Gesamtmedizin zu stärken und somit das Image des Gesamtfaches Dermatologie durch hochwertige, nachhaltige und fachlich kompetente Qualität in der Versorgung zu optimieren. Momentan decken über 30 onkoderm-Zentren mit über 100 Fachärztinnen und Fachärzten ein Einzugsgebiet von weit über 35 Millionen Einwohnern ab. Weitere Informationen für Fachärzte: www.onkoderm.de.