Diskurs

Editorial

Hautkrebs bald besiegt?

Der Beginn des Jahres 2019 wurde aus gesundheitspolitischer Sicht von Äußerungen des Gesundheitsministers Spahn dominiert, Krebs sei binnen absehbarer Zeit “heilbar“. Ungeachtet der sehr großen Fortschritte im Verständnis der Entstehung von Krebskrankheiten und Entdeckung von Zielstrukturen neuer Therapien, stellte sich diese Äußerung im Nachhinein als fahrlässig dar und offenbarte sehr unzureichende Kenntnisse des Ministers zur Komplexität der Problematik. Schließlich musste Spahn zurückrudern und seine Einschätzung relativieren. Ähnlich erging es Richard Nixon, der als amtierender US-Präsident bereits in den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen “War on Cancer“ ausrief und damit außergewöhnlich viel Geld für die intensivierte Krebsforschung bereitstellte oder über private Einrichtungen aktivierte. Auch damals war man von der Hoffnung getragen, dass die “Krankheit Krebs“ bald überwunden werden könnte. Zuletzt sprach Barack Obama in seiner letzten großen Wissenschaftsinitiative vom “Cancer Moonshot“, einer Initiative, die erneut große ökonomische Summen freisetzen sollte, um im Kampf gegen den Krebs weiterzukommen.

Doch wo stehen wir genau in diesem, seit Dekaden betriebenen “War on Cancer“?
Gerade Dermatologinnen und Dermatologen können grundlegende Missverständnisse politischer Einschätzungen gut verstehen:

1)  Es gibt nicht die eine, homogene Krebskrankheit. Die Krankheit hat viele Facetten. Über 200 Zelltypen können unterschiedlichste Fehlfunktionen aufweisen, die schließlich zum Krebs führen. Die Variabilität in diesem Netzwerk ist schier unendlich.

2)  Die genetischen Steuermechanismen, die sich in unterschiedlichen Mutationen oder besser Mutationsprofilen ausdrücken, sind in ihrer Vielfalt bislang noch nicht erfasst.

3)  Escape-Mechanismen, die es den Krebszellen ermöglichen, sich einer Therapiewirkung zu entziehen, sind immer noch ein Schlüsselproblem der Onkologie.

4)  Schließlich spielen Immunmechanismen eine wichtige Rolle, die mit der Checkpoint-Blockade jetzt auch offensiv therapeutisch genutzt werden können.

In allen angesprochenen Bereichen haben Forschungsergebnisse aus der Dermatologie wesentlich den wissenschaftlichen Fortschritt gebahnt. Das maligne Melanom hat sich dabei als Modellkrankheit erwiesen und Erkenntnisse der Melanomforschung konnten auf eine Vielzahl weiterer Tumorentitäten übertragen werden.

Bis jedoch eine “Heilung von Krebs“ möglich wird, bleiben zentrale Aufgaben unserer Tätigkeit die Aufklärung zur Prävention, die verbesserte Diagnostik (hier wird sicherlich die künstliche Intelligenz eine größere Rolle spielen – erste Studien zur Detektion von malignen Melanomen sind sehr erfolgversprechend) und das genetische Profiling. Dabei geht es darum, innerhalb einer Tumorart (z.B. dem malignen Melanom) mutationsbasierte Prognosescores zu entwickeln, die eine verbesserte Erkennung von Patienten ermöglichen, die von modernen Therapien profitieren können.

Es bleibt also viel zu tun!

Ihr
Prof. Dr. med. Thomas Dirschka