Hautkrebs

Von Prävention bis Präzisionsmedizin – Dermato-Onkologie im Wandel

Interview mit Kongresspräsident Prof. Dr. Jan C. Simon (Leipzig) zum 36. Deutschen Hautkrebskongress

Die Dermato-Onkologie befindet sich in einer Phase außergewöhnlicher wissenschaftlicher und klinischer Dynamik. Immer differenziertere diagnostische Verfahren, neue therapeutische Möglichkeiten und ein wachsendes Verständnis molekularer Tumormechanismen eröffnen Perspektiven, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren.

Gleichzeitig entstehen neue Fragen: Wie lässt sich bereits vor Therapiebeginn erkennen, welche Patientinnen und Patienten tatsächlich profitieren? Wie können schwere Nebenwirkungen frühzeitig vorhergesagt werden? Welche Rolle werden Künstliche Intelligenz, moderne Bildgebung und zellbasierte Therapien künftig spielen? Und wie lassen sich medizinischer Fortschritt, Prävention und begrenzte Ressourcen im Gesundheitssystem miteinander vereinbaren? Diese Spannbreite prägt auch den 36. Deutschen Hautkrebskongress, die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (ADO), in Leipzig.

Die wissenschaftliche und organisatorische Gestaltung der Tagung ist dabei ausdrücklich Teamarbeit: Gemeinsam bilden Prof. Dr. Jan C. Simon als Tagungspräsident sowie Prof. Dr. Mirjana Ziemer und Prof. Dr. Manfred Kunz in der wissenschaftlichen Leitung das Leipziger Kongressleitungsteam. Das Programm nimmt die gesamte Bandbreite der modernen ­ Dermato-Onkologie in den Blick – von ­ Prävention und Früherkennung über personalisierte Behandlungs- strategien, neue Therapieansätze und Nebenwirkungsmanagement bis hin zu moderner Bildgebung und Fragen der Versorgungsrealität. Im Gespräch erläutert Prof. Simon, wo er besonders dynamische­ Entwicklungen sieht, weshalb­ Biomarker für die weitere Individualisierung der Therapie entscheidend werden könnten und warum wissenschaftlicher Fortschritt zunehmend auch eine gesundheitsökonomische Dimension besitzt.

DISKURS Hautkrebs: Herr Professor Simon, Künstliche ­ Intelligenz wird derzeit in nahezu allen Bereichen der Medizin zunehmend präsenter. Welche Rolle spielt sie bereits in der Dermato-Onkologie – und wo sehen Sie die entscheidenden zukünftigen Einsatzmöglichkeiten?

Prof. Simon:

KI ist natürlich in aller Munde – auch in der Dermato-Onkologie. Ganz offensichtlich betrifft das zunächst die Erkennung und Diagnostik von Hautkrebs. Eine große Herausforderung wird darin bestehen zu validieren, welche KI-Konzepte tatsächlich gut sind und einen entsprechenden Nutzen haben. Das betrifft auch KI-Konzepte, die von Betroffenen selbst genutzt werden. Ganz ungeklärt ist außerdem die Frage, wie wir Patientinnen und Patienten aufklären müssen, wenn wir KI-Tools einsetzen – und wie wir selbst aufgeklärt werden müssen. Das ist keine Fragestellung, die ausschließlich die Dermatologie betrifft, sondern gilt beispielsweise ebenso für die Radiologie und andere medizinische Bereiche. Hier besteht noch Nachholbedarf.

„KI wird sicherlich auch bei der Risikostratifizierung eine große Rolle spielen“

Über die Erkennung hinaus wird KI sicherlich auch bei der Risikostratifizierung und bei der besseren Zu­ ordnung von Patienten zu bestimmten Therapien eine große Rolle spielen. Eine weitere Möglichkeit sehe ich in der Kombination mit moderner Bildgebung, beispielsweise bei der Planung chirurgischer Eingriffe.

DISKURS Hautkrebs: Die therapeutischen Möglichkeiten in der Dermato-Onkologie werden immer besser, gleichzeitig steigen die Kosten moderner Behandlungen erheblich. Wird damit die Frage, welche Therapie für welche­ Patient*innen tatsächlich sinnvoll ist, damit noch wichtiger?

Prof. Simon:

Die Therapien werden immer besser – Gott sei Dank immer besser! Sie werden aber auch in der Tat immer teurer. Die Schwierigkeiten, die wir im deutschen Gesundheitssystem haben, stehen inzwischen auf der Tagesordnung. Wir werden deshalb in eine Diskussion darüber kommen müssen, was für wen und wie lange eingesetzt werden sollte. Auch hier hoffen wir natürlich darauf, zukünftig Biomarker zu haben, die besser vorhersagen können, welche Patienten tatsächlich von einer bestimmten Therapie profitieren. Wir haben auf der einen Seite begrenzte Ressourcen, auf der anderen Seite immer mehr therapeutische Möglichkeiten und immer höhere Preise. Wie gehen wir damit um? Das wird ein spannendes Thema, das uns kontinuierlich begleiten wird.

DISKURS Hautkrebs: Ist das nicht auch die eigentliche Gretchenfrage für die personalisierte Dermato-­ Onkologie? Wie gut können wir heute denn bereits vorhersagen, welche Patient*innen von welcher Therapie profitieren – und welche Rolle könnten Biomarker und individuelle Tumormerkmale künftig für Therapieentscheidungen spielen?

Prof. Simon: Das Ziel wäre natürlich, bereits vor Beginn einer Therapie eine Vorhersage darüber treffen zu können, wie gut das Ansprechen auf eine Behandlung sein wird. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil wir über Therapien sprechen, die nicht nur sehr kostenintensiv sind, sondern gleichzeitig mit erheblichen Nebenwirkungen assoziiert sein können. Es geht also nicht nur um die Vorhersage des Therapieansprechens. Ebenso wichtig wäre es, abschätzen zu können, welcher Patient ein größeres Risiko hat, schwere Nebenwirkungen zu entwickeln. Das spielt insbesondere deshalb eine große Rolle, weil wir heute in vielen Fällen über eine adjuvante Therapie sprechen. Das bedeutet: es liegt aktuell kein nachweisbares Tumorleiden vor, aber ein Risiko der Progression besteht. Wir behandeln also eine Tumor­ erkrankung, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht messen können, und gehen mit dieser Behandlung potenziell gleichzeitig Risiken ein. Deshalb wäre es sehr hilfreich, wenn wir diese Risiken und den zu erwartenden Nutzen künftig besser vorhersagen könnten.

Gleichzeitig muss man sagen, dass es Stand heute noch keine validierten Biomarker gibt. Wir werden auf dem Kongress aber eine ganze Reihe neuer und spannender Daten dazu hören. Perspektivisch sind beispielsweise der Nachweis von ctDNA im Serum sowie eine differenziertere Genomanalyse des Tumors oder der Metastasen von Bedeutung. Diese Wege werden wir gehen müssen, um denjenigen Patienten, die tatsächlich profitieren, Therapien noch gezielter zur Verfügung stellen zu können. Dazu gibt es beim Deutschen Hautkrebskongress hier in Leipzig mehrere Sessions, von denen ich mir einiges erhoffe – und bei denen wir hoffentlich Neues lernen werden.

DISKURS Hautkrebs: Zellbasierte Therapien bis hin zu CAR-T-Zelltherapien gehören ebenso zu den innovativen Kongressthemen. Wo steht die Dermato-Onkologie bei diesen Verfahren – und welches Potenzial sehen Sie insbesondere für Hauttumoren?

Prof. Simon:

Bei CAR-T-Zelltherapien stehen wir beim Melanom noch ganz am Anfang. Die Entwicklung kommt ursprünglich aus der Onkologie. Beim­ Multiplen Myelom und bei Lymphomen ­ funktioniert das bereits sehr gut. Gleichzeitig muss man natürlich sehen, dass diese Therapien auch sehr, sehr teuer sind.

„Es soll eine Standortbestimmung zu den Einsatzmöglichkeiten von CAR-T-Zellen vorgenommen werden“

Wir werden beim Deutschen Hautkrebskongress eine Rising Star Lecture genau zu diesem Thema haben. Dabei soll eine Standortbestimmung zu den Einsatzmöglichkeiten von CAR-T-Zellen bei dermatologischen Erkrankungen vorgenommen werden – speziell­ natürlich auch mit Blick auf Hauttumoren. Wir begleiten diese Entwicklung bereits seit längerer Zeit. Das Thema hat inzwischen auch in anderen Fachgebieten, beispielsweise in der Rheumatologie, eine große Bedeutung.

DISKURS Hautkrebs: Mit hochwirksamen Therapien können auch schwerwiegende neurologische Nebenwirkungen einhergehen. Gerade im adjuvanten Setting erhält die Nutzen-Risiko-Abwägung damit eine besondere Bedeutung. Wie weit sind wir beim Verständnis dieser Nebenwirkungen – und welche Fragen stehen für Sie im Vordergrund?

„Wir beginnen erst jetzt, neurologische Nebenwirkungen besser zu verstehen“

Prof. Simon:

Neurologische Nebenwirkungen sind ein Punkt, den wir in Leipzig ganz bewusst in das Kongressprogramm eingebracht haben. Wir beginnen erst jetzt, diese Nebenwirkungen besser zu verstehen. Gerade im Hinblick auf den adjuvanten Einsatz ist das besonders wichtig. Wir sprechen hier möglicherweise über einen Patienten, bei dem kein Tumor nachweisbar ist und bei dem aufgrund einer adjuvanten Therapie schwere neurologische Nebenwirkungen auftreten können. Deshalb müssen wir hier besonders aufmerksam sein. Wir haben diesem Thema ein eigenes Symposium gewidmet. Dabei geht es um neurologische Nebenwirkungen und insbesondere um die Möglichkeiten der Vorhersage, der Früherkennung und der Prävention.

DISKURS Hautkrebs: Moderne Bildgebung ist ein weiterer Schwerpunkt, den Sie für Leipzig hervorgehoben haben. Welche neuen Möglichkeiten eröffnen multimodale Verfahren insbesondere für die operative Planung

Prof. Simon:

Moderne Bildgebung ist hier in Leipzig ein ganz großes Thema. Wir haben die Möglichkeit, verschiedene moderne Bildgebungsverfahren ­ multimodal miteinander zu kombinieren und damit beispielsweise die Planung von Operationen substanziell zu verbessern. „Smartbrillen eröffnen neue Möglichkeiten der Operationsplanung“ Ein anschauliches Beispiel ist die Nutzung einer Vision-Pro-Brille oder einer anderen Smartbrille. Dabei können dem Operateur während des Eingriffs Informationen aus der vorherigen beziehungsweise modernen Bildgebung auf die Brille gespiegelt werden. Das eröffnet neue Möglichkeiten für die Operationsplanung und -durchführung. Dieses Thema wird auch Gegenstand einer der Keynote Lectures des ­ Kongresses sein.

DISKURS Hautkrebs: Bei allen Fortschritten in Diagnostik und Therapie bleibt die Prävention eine zentrale Säule der Hautkrebsmedizin. Das Hautkrebsscreening ist zugleich im Zuge der Spardebatte im Gesundheitswesen in die Diskussion geraten. Welche wissenschaftlichen Antworten benötigen wir hier?

Prof. Simon:

Das Hautkrebsscreening ist im Rahmen der Spardebatte im­ Gesundheitswesen in die ­ Diskussion gekommen. Deshalb freue ich mich, dass wir auf dem Kongress ein­ Symposium haben, in dem diese Fragen wissenschaftlich evaluiert werden. Im Endeffekt geht es um die Frage: Was spart hinterher mehr Geld? Spart man jetzt Geld bei Präventionsmaßnahmen – gibt es aber später wieder aus, weil möglicherweise mehr Tumoren entstehen? Unser Beitrag als Wissenschaftler muss darin be- stehen, genau das zu evaluieren und zu kalkulieren. Die Entscheidung darüber muss letztlich die Gesundheitspolitik treffen. Aber wir werden einen sehr soliden Datensatz liefern können. Das erwarte ich mir von den Sessions, in denen es um Präventionsmaßnahmen geht.

DISKURS Hautkrebs: Die Erfolgsgeschichte der modernen Dermato-Onkologie wird häufig vor allem mit dem Melanom verbunden. Wie stellt sich die Situation bei anderen Hauttumoren dar – und wo bestehen gerade bei seltenen­ Entitäten noch relevante Lücken?

Prof. Simon:

Sowohl bei den Therapiestrategien als auch bei innovativen Therapien und in der Diagnostik sind wir beim Melanom, beim Basalzellkarzinom, beim Plattenepithelkarzinom und auch bei den Hautlymphomen inzwischen wirklich sehr gut aufgestellt. Lücken gibt es natürlich noch bei seltenen Hauttumoren, beispielsweise bei Talgdrüsen- und Schweißdrüsenkarzinomen oder bei Hautsarkomen. Dort sind wir noch längst nicht so weit wie bei den Diagnosen, die zahlenmäßig wesentlich stärker ins Gewicht fallen.

DISKURS Hautkrebs:

Je differenzierter Diagnostik und Therapie werden, desto größer werden auch die Anforderungen an spezialisierte Zentren und an die Zusammenarbeit mit dem ambulanten Bereich. Wie können wir ge- währleisten, dass der medizinische Fortschritt tatsächlich in der Breite bei den Patientinnen und Patienten ankommt?

Prof. Simon:

Dafür wird es notwendig sein, dass der ambulante und der klinische Bereich noch intensiver zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang möchte ich die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen ausdrücklich herzlich einladen, sich in unsere Tumorboards einzuloggen und dort auch eigene Patienten vorzustellen. Unsere Tumorboards finden virtuell statt. Jeden Dienstag werden dort über anderthalb bis zwei Stunden die aktuellen Fälle gemeinsam besprochen.

„Unsere Tumorboards können auch von Kolleginnen und Kollegen aus der Niederlassung genutzt werden“

Mir ist es wichtig, noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass dieses Angebot nicht nur für uns hier im Hautkrebszentrum wichtig ist, sondern sehr gerne auch von Kolleginnen und Kollegen aus der Niederlassung und damit von extern genutzt werden kann.

DISKURS Hautkrebs:

Die Dermato-Onkologie entwickelt sich wissenschaftlich und klinisch mit großer Geschwindigkeit. Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund die Förderung des Nachwuchses – auch innerhalb der ADO?

Prof. Simon:

Sowohl uns als lokaler Tagungsleitung als auch dem Vorstand der ADO ist die Nachwuchsarbeit extrem wichtig. Deshalb haben wir bereits im Vorfeld der Tagung eine eigene Nachwuchsveranstaltung. Darüber hinaus gibt es während des Kongresses eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die sich gezielt an den wissenschaftlichen ebenso wie an den klinischen Nachwuchs richten.

DISKURS Hautkrebs:

Zum Abschluss: das Kongressprogramm bildet insgesamt eine sehr große Bandbreite aktueller­ Entwicklungen in der Dermato-Onkologie ab. Welche Themen waren Ihnen persönlich bei der Gestaltung des Programms besonders wichtig und sollten in Leipzig besondere Aufmerksamkeit erhalten?

Prof. Simon:

Einige der Themen, die wir bereits angesprochen haben. Dazu gehört sicherlich die moderne Bildgebung. Ein weiterer wichtiger Bereich sind Präventionsstrategien – sowohl zukünftige Präventionsstrategien beim Hautkrebs als auch die Evaluation bereits bestehender Präventionsstrategien. Ein weiteres wichtiges Thema sind neurologische Nebenwirkungen. Hier geht es darum, diese möglichst früh zu erkennen und perspektivisch vielleicht sogar diejenigen Patienten bereits im Vorfeld herauszufiltern, die ein erhöhtes Risiko haben.

DISKURS Hautkrebs:

Sehr geehrter Herr Professor Simon, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte S. Höppner.