Robotik in der MKG-Chirurgie
Roboter im Operationssaal? Was in anderen chirurgischen Disziplinen längst etabliert ist, beginnt sich in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) erst langsam durchzusetzen. Die Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie e.V. (DGMKG) sieht in der robotisch-assistierten Chirurgie jedoch großes Potenzial – sowohl als minimalinvasive Technik zur Vermeidung großer Schnitte am Hals als auch als Präzisionswerkzeug bei Tumoroperationen und für komplexe Rekonstruktio- nen von Tumoren, die sich bis weit in den Zungengrund erstrecken.
„Wir stehen am Anfang einer technologischen Entwicklung, die unser Fach nachhaltig verändern wird“, sagt Dr. Dr. Kilian Kreutzer, stellvertretender Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und DGMKG-Mitglied. „Robotische Systeme ermöglichen es uns, auch anatomisch schwer zugängliche Regionen wie den Zungengrund oder den Oropharynx
– also den mittleren Teil des Rachens
– während einer Operation minimal- invasiv zu erreichen und gleichzeitig die onkologische Sicherheit zu wahren.“
In der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Charité Berlin kommt regelmäßig ein daVinci Xi Operationssystem zum Einsatz. Besonders bei transoralen Tumorresektionen, bei einer Entfernung des ganzen Tumors über den Mundraum, sowie bei komplexen Rekonstruktionen mit freien Lappen zeigt sich der Mehrwert: Der Roboter unterstützt die operierenden Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg*innen dadurch, dass er durch abgewinkelte Instrumente eine hohe Bewegungsfreiheit und Präzision im begrenzten OP-Feld bietet. Auch bei der Verlagerung von operativen Zugängen in nicht sicht- bare Zonen, etwa zur Entfernung von Halslymphknoten über einen Schnitt im Haaransatz, gewinnen die Roboter an Relevanz – nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch deshalb, weil sie beispielsweise in der Operationssituation dabei unter- stützen, gestautes Lymphwasser in geschwollenen Knoten zu entfernen.
Dennoch bleibt der Einsatz robotischer Systeme in der MKG-Chirurgie bislang die Ausnahme. „Die hohen Investitionskosten und die begrenzte Verfügbarkeit dieser Systeme für Kopf- Hals-Eingriffe verhindern derzeit eine flächendeckende Etablierung“, so Kreutzer. „In vielen Kliniken teilen sich mehrere Fachrichtungen einen Roboter – da ist die MKG-Chirurgie häufig zweitrangig.“ Ein weiteres Hindernis: Die Übertragung virtueller OP-Planungen in den Operationssaal ist technisch und organisatorisch komplex. Während Planungen am Computer nahezu grenzenlos erscheinen, stoßen sie in der Realität auf individuelle anatomische und operative Herausforderungen – von eingeschränkter Mundöffnung über Narben bis hinzu strahlenbedingten Gewebeveränderungen. Systeme zur präzisen Umsetzung virtueller 3D-Planungen in Echtzeit an der Patientin bzw. dem Patienten existieren bislang nur im Ansatz.
Für die kommenden Jahre sieht die DGMKG besonders in der Verknüpfung robotischer Systeme mit Navigation, Bildgebung und künstlicher Intelligenz enormes Entwicklungspotenzial. „Wir brauchen keine isolierte Robotik – wir brauchen vernetzte OP-Systeme, die Planung, Navigation und operative Umsetzung intelligent kombinieren“, erklärt Kreutzer. Auch die robotischassistierte Supermikrochirurgie, etwa bei mikroanatomischen Gefäßanastomosen unter einem Millimeter Durchmesser, gehört zu den künftigen Einsatzfeldern – eine Technik, die durch Instrumente mit Bewegungsskalierung und Tremorunterdrückung entscheidende Vorteile bietet.
Um dieses Potenzial zu nutzen, fordert die DGMKG bessere strukturelle Voraussetzungen für die Integration robotischer Systeme in der MKG-Chirurgie: gezielte Forschungsförderung, niedrigschwelligen Zugang für Kliniken und interdisziplinäre Schulungskonzepte. Nur so ließen sich valide wissenschaftliche Daten generieren, die den Nutzen dieser Technologien langfristig belegen. „Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie war schon immer offen für technische Innovationen“, betont der DGMKG- Experte. „Wir sollten daher die Verbreitung von Robotik im OP-Saal dringend weiter vorantreiben.“
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie e.V.
