Neurodermitis

„Auch die Haut braucht eine ausgeglichene Bakterienflora“

Interview mit Ch. Lang, Belano Medical AG

Die Mikrobiologin Prof. Dr. Christine Lang befasst sich neben ihrer Lehrtätigkeit als außerplanmäßige Professorin für Mikrobiologie und Molekulargenetik an der TU Berlin und ihrem Engagement als Co-Vorsitzende des Bioökonomierates der Deutschen Bundesregierung vor allem mit der Entwicklung von probiotischen Produkten mit speziellen Wirkmechanismen. Wir sprachen mit Frau Prof. Lang über die Wirkungsweise und Vorteile einer probiotische Hautpflege.

Ästhetische Dermatologie:

Frau Prof. Lang, Sie haben ein neues Produkt entwickelt, das als “mikrobiotische Hautpflege” bezeichnet wird. Wie sind Sie als Mikrobiologin darauf gekommen, ein solches Produkt zu entwickeln?

Prof. Lang:

Ich habe mich in meiner Forschung mit der Wirkung von Bakterien auf unsere Gesundheit beschäftigt und wir haben neue Probiotika mit Milchsäurebakterien entwickelt, die im Magen und Darm wirken und die Gesundheit fördern. Dann begann man zu verstehen, dass auch die Haut eine ausgeglichene Bakterienflora braucht, um gesund und jung zu bleiben. Daraufhin haben wir mit aufwändigen Screeningverfahren nach den “guten Bakterien“ gesucht, die genau dies tun: Die Hautflora in Balance zu halten, und wir sind bei einem einzigartigen Stamm eines Lactobacillus-Milchsäurebakteriums fündig geworden.

Ästhetische Dermatologie:

Was genau hat Mikrobiologie denn mit der Haut zu tun?

Prof. Lang:

Bakterien – auch als Mikrobiom bezeichnet – bilden eine Schutzschicht auf unserer Haut . Ähnlich wie die Bakterien im Darm sorgen sie für das richtige Säureniveau (den pH-Wert) und stärken unser Immun-system. Die Forschung hat nun ge-zeigt, dass außerdem die nützlichen Hautbakterien (auch Kommensale genannt) ein natürliches Abwehr-system gegenüber pathogenen Bakterien bilden, wie zum Beispiel dem Entzündungsbakterium Staphylo-coccus aureus.

Ästhetische Dermatologie:

Warum ist es wichtig, ein gesundes Mikrobiom zu haben und zu pflegen? Reicht es nicht, die Haut gründlich zu reinigen und anschließend Produkte zur normalen Hautpflege zu verwenden?

Prof. Lang:

Im Gegenteil: Eine gründliche Reinigung entfernt einen Großteil der Hautflora und damit der Schutzschicht! In den Stunden nach einer Reinigung regeneriert sich normalerweise diese Mikrobiota wieder und der Schutz ist wiederhergestellt. Bisherige Hautpflegeprodukte sind nicht dafür entwickelt, die Mikrobiota zu pflegen, und leider enthalten sie häufig Stoffe, die den bakteriellen Schutzfilm zerstören, statt ihn zu erhalten. Um aber eine vollständig gesunde Haut zu bewahren, sollte ich mich auch um meine gesunde Hautflora kümmern und die Regeneration der Hautflora nach einer Reinigung fördern, das geht unter anderem mit Hilfe geeigneter mikrobiotischer Produkte.

Ästhetische Dermatologie:

Also kann Hautpflege helfen, eine gesunde Hautflora aufzubauen und zu unterstützen? Wie muss ein solches Pflegeprodukt aussehen?

Prof. Lang:

Idealerweise enthält ein gutes Pflegeprodukt Wirkstoffe, die gezielt die guten Hautbakterien und damit den Schutzfilm fördern. Wir haben in unserer Forschung einen besonderen Stamm eines Milchsäurebakteriums gefunden, der bestimmte Peptide bildet. Diese Peptide stimulieren ganz gezielt die kommensalen Hautbakterien in ihrer Regeneration. So kann auch bei Stress und nach intensiver Reinigung die Schutzfunktion für die Haut gewährleistet werden.

Ästhetische Dermatologie:

Könnte man nicht einfach ein Produkt entwickeln, das unsere gesunde Hautflora enthält?

Prof. Lang:

Theoretisch ist das denkbar, aber praktisch nicht umsetzbar. Das kann man vergleichen mit den probiotischen Joghurtprodukten, die lebende Bakterienkulturen enthalten und daher im Kühlschrank gelagert werden müssen und nur eine sehr geringe Haltbarkeit haben. Das finde ich für eine Pflegeserie nicht verbraucherfreundlich. Deswegen haben wir ein Verfahren entwickelt, um die Wirkstoffe schonend aus den Milchsäurebakterien zu gewinnen und mit hoher Aktivität und Haltbarkeit zur Verfügung zu stellen. Unser Produkt enthält eben keine lebenden Bakterienkulturen, sondern einen Lactobacillus-Extrakt, der das Wachstum kommensaler Bakterien in der natürlichen Hautflora anregt. Der mikrobiotische Extrakt enthält nur die wirksamen Bestandteile des Lactobacillus, quasi Wirkstoff in reinster Form.

Ästhetische Dermatologie:

Kann eine mikrobiotische Hautpflege auch als Pflege bei Hauterkrankungen angewendet werden?

Prof. Lang:

Bei zahlreichen Hauterkrankungen verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen den Kommensalen oder guten Bakterien, die bei gesunder Haut bis zu 99 Prozent der Hautflora ausmachen, und den Entzündungsbakterien deutlich. Dies ist bekannt für Neurodermitis-Haut, ebenso wie bei Psoriasis. Hier kann eine Re-Balancierung der Populationen ein wesentlicher Teil der Pflege als Unterstützung der Therapie sein. Unsere Pflegeserie ist auch bezüglich der weiteren Inhaltsstoffe, wie pflanzliche Öle, Extrakte und Vitamine per-fekt auf die Bedürfnisse unserer Haut ausgerichtet.

Ästhetische Dermatologie:

Ihren Wirkstoff haben Sie bereits erfolgreich in einer Kosmetikserie eingesetzt. Diese Entwicklung geht mit einer neuen Serie weiter. Wie wird die neue Serie angeboten und für wen ist sie geeignet?

Prof. Lang:

Wir haben nun mit ibiotics med eine Serie erarbeitet, die als medizinische Pflege bei Hauterkrankungen geeignet ist. Hier sind sowohl die Inhaltsstoffe als auch die Wirkstoffkonzentration für diese Haut optimiert. Dabei haben wir eine Lotion für die tägliche Basispflege, eine Akut-Creme als SOS-Pflege, eine Intensivcreme mit hohem Wirkstoffanteil und eine sanfte Reinigungslotion entwickelt.

Ästhetische Dermatologie:

Wann sollte welche dieser Pflegekomponenten eingesetzt werden?

Prof. Lang:

Die Lotion ist die richtige Pflege für die tägliche Basispflege und für die gesamte Haut, um eine stabile Hautbarriere zu erhalten. Die Akut-Creme sollte wiederholt, auch mehrmals täglich, als SOS-Pflege für akute Hautprobleme verwendet werden, um auch die Symptome wie Jucken und Brennen schnell zu lindern. Die Intensivcreme hat einen hohen Wirkstoffanteil, so dass sie 2x täglich auf betroffene Hautstellen aufgetragen werden sollte, um eine gesunde Hautmikrobiota aufzubauen und den Feuchtigkeitshaushalt zu regenerieren. Die Reinigungsmilch wurde speziell entwickelt, um die Haut gründlich zu reinigen, aber dennoch Hautmikrobiota zu erhalten.

Ästhetische Dermatologie:

Ist die Serie auch für Kinder geeignet?

Prof. Lang:

Bei der Entwicklung der Formulierungen wurde darauf geachtet, dass alle Inhaltsstoffe auch für sensible Haut geeignet sind. So enthalten die Produkte keine Duftstoffe oder Harnstoff, was für Kinderhaut von großer Bedeutung ist.

Ästhetische Dermatologie:

Gibt es bereits Erfahrungen bei der Pflege von Rosacea- oder Aknehaut?

Prof. Lang:

Beide Hautbilder sind von einer Dysbalance der Mikrobiota auf der Haut charakterisiert. Der einzigartige Wirkstoff bringt ja die Mikrobiota wieder in ein gesundes Gleichgewicht und erste Ergebnisse zeigen, dass ibiotics med auch bei dieser Haut zu sehr guten Pflegeergebnissen führt.

Ästhetische Dermatologie:

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen könnten: Wird die Haut durch Umweltbelastung oder Sonneneinstrahlung noch mehr belastet werden? Und was bedeutet das für eine adäquate Hautpflege?

Prof. Lang:

Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass die Überzeugung, dass nicht nur die Haut, sondern auch ihr Schutzfilm – die Mikrobiota – in die Pflege einbezogen werden muss, sich durchsetzt und die zukünftige Pflege die Haut und ihre Mikrobiota berücksichtigt und stärkt. Und wenn ich die Trends von heute betrachte, fällt auf, dass bereits jetzt 40% aller Deutschen ihre Haut als sensibel oder trocken beschreiben und dass in Europa 40% aller Menschen Allergiker sind. Stressfaktoren wie Luftverschmutzung, Sonnenbelastung oder ein überhöhtes Hygieneverhalten (wie tägliches Duschen) werden unserer Haut weiter zusetzen und verlangen verstärkt unsere Aufmerksamkeit, um eine gesunde Haut zu erhalten.

Ästhetische Dermatologie:

Muss noch mehr Aufklärung bei und für Patienten geleistet werden?

Prof. Lang:

Ich bin überzeugt, dass wir noch viel über das Mikrobiom und seine Bedeutung erzählen müssen – schließlich sind die Erkenntnisse aus der Forschung noch recht jung. Hier sind wir Wissenschaftler aber auch auf Ärzte und Apotheker angewiesen, um die nötige Aufklärung zu leisten!

Ästhetische Dermatologie:

Sehr geehrte Frau Professor Lang, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte S. Steffens.