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„Der Austausch zwischen Wissenschaft und dem Praktiker ist eines unserer Hauptanliegen“

Interview mit Dr. med. Thomas Stavermann (Berlin)

Dr. med. Thomas Stavermann ist neben seiner Tätigkeit als Facharzt für Dermatologie, Venerologie, Allergologie und Leiter des MVZ Hautzentrums auch Vorsitzender des BVDD-Landesverbandes Berlin. Wir sprachen mit Dr. Stavermann in seiner Eigenschaft als Tagungspräsident der anstehenden dermapraxis Berlin, die vom 17.-19. September stattfinden wird.

DISKURS Dermatologie:

Herr Dr. Stevermann, auch in diesem Jahr bleibt die Corona-Lage kompliziert. Wie waren ihre letztjährigen Erfahrungen mit dem umfassenden Hygiene-Konzept in der weiträumigen Columbiahalle?

Dr. Stavermann:

Die Resonanz sowohl der Aussteller wie auch der Fachbesucher bzw. Teilnehmer war insgesamt großartig – alle haben das Come-Together im letzten Jahr einfach genossen. Der persönliche Austausch ist eben durch nichts zu ersetzen und fehlt den allermeisten im Arbeitsalltag sehr. Wir hören verstärkt, dass nur noch wenige große Lust auf die komplett virtuellen Kongresse haben. Durch die Technik ist zwar alles gut zu organisieren, aber sich z.B. in den Industrieausstellungen am Computer zu orientieren bzw. informieren ist doch sehr schwierig. Ebenso leidet der wissenschaftliche Austausch – wir merken während der Vorträge doch oft, dass diese irgendwie mit „angezogener Handbremse“ gehalten werden. Eine Präsenzveranstaltung hat ein komplett anderes Fluidum und ist einfach lebendiger … ein Konzert funktioniert letzten Endes auch nicht ohne Live-Audience. Deshalb war es unser wichtigstes Anliegen, dass die dermapraxis auch 2021 live stattfindet – also weder hybrid noch gar rein digital. Unser bewährtes Hygienekonzept plus die inzwischen doch recht hohe allgemeine Impfquote machen dies auch relativ entspannt möglich.

DISKURS Dermatologie:

Einer der Schwerpunkte des breit gefächerten Programms ist ja wiederum die Telemedizin. Wie sehen Sie die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche und hat diese durch die Pandemie an Akzeptanz gewonnnen?

Dr. Stavermann:

Ja, dieses Thema hat in unserer Praxis schon breiteren Raum eingenommen, u.a. in Form einer Videosprechstunde, die wir on demand anbieten. Für alle Fragen, die nicht unbedingt einen persönlichen Kontakt erfordern, ist das auf jeden Fall eine gute Option, die vor allem von den jüngeren Patienten verstärkt angenommen wurde; die älteren hingegen suchen doch immer noch eher den persönlichen Kontakt. Wir konnten auch Patienten, die sich bereits in einer Therapie befanden, etwa Tumorpatienten, über solche Instrumente erreichen und ohne Angst vor einer Infizierung weiterhin beobachten und auf evtl. Veränderungen reagieren, dies gab bzw. gibt den Patienten Sicherheit. Ich bin trotzdem froh, dass wir mittlerweile wieder einen halbwegs normalen Praxisalltag haben, zwar mit Maske, aber das ist ja nun das kleinere Übel.

Schaut man hingegen auf das projektierte „E-Rezept“, habe ich eher Zweifel, dass das reibungslos funktionieren
wird. Es gibt sicher viele Patienten, die Probleme haben werden, sich mit dieser neuen Technik auseinanderzusetzen, und die Konsequenzen für die Praxisorganisation wären gewiss erheblich. Wenn ich mir vorstelle, älteren Patienten erklären zu müssen, dass ein Rezept nur noch mit Pin möglich ist … zum Glück wurde die ganze Sache ja nochmal etwas nach hinten geschoben.

DISKURS Dermatologie:

Was sind aus Ihrer Sicht weitere Veranstaltungs-Highlights?

Dr. Stavermann:

Was die dermapraxis ausmacht, und das eigentlich auch schon seit 20 Jahren, ist das Bemühen, die ganze Breite des Faches darzustellen. Es gibt eben nicht nur Psoriasis oder Neurodermitis. Zum Beispiel die Versorgungsforschung – wie gut bedienen wir eigentlich die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Altersstufen? Und natürlich dürfen und sollen auch die Zusatzgebiete wie Phlebologie oder Proktologie nicht vergessen werden. Quasi einen 360-Grand-Rundum-Blick zu schaffen, natürlich auch auf die neuen innovativen Therapiemöglichkeiten gerade bei den chronisch- entzündlichen Erkrankungen – all das ist Anliegen der dermapraxis.

DISKURS Dermatologie:

Wo Sie es schon ansprechen – das Spektrum neuer Therapien in der Dermatologie wird immer umfangreicher. Wie sind hier Ihre persönlichen Erfahrungen?

Dr. Stavermann:

Grundsätzlich müssen wir uns alle glücklich schätzen, so viele innovative Medikamente zu bekommen – neue Therapien bei der atopischen Dermatitis wie der Einsatz von Biologika und auch bei der Schuppenflechte die Spezifizierung und Weiterentwicklung der vorhandenen Medikamente. In der Onkologie ganz neue Therapieformen, die dazu führen, dass Betroffene nicht nur länger, sondern auch lebenswerter leben können. Das sind auf jeden Fall Highlights unseres Fachgebiets und demzufolge auch der dermapraxis, denn wir haben das Glück, dass zwei oder sogar drei dieser Medikamente in den nächsten Wochen gelauncht werden, so dass diesbezüglich naturgemäß ein ganz hohes Interesse vorhanden ist, da die entsprechenden Informationen bzw. Ergebnisse erst anschließend veröffentlicht werden dürfen. Das wird sehr spannend!

Grundsätzlich geht es derzeit in der Gesundheitsbranche richtig rund. Wenn man sich anschaut, was die großen Konzerne derzeit alles in der Pipeline haben, auch zum Stichwort künstliche Intelligenz, da gibt es ganz neue Diagnostik-Tools, die mittlerweile auch ausgereift scheinen. Das wird ein gravierender neuer Aspekt in der medizinischen Versorgung! Eine App wird uns als Ärzte zwar niemals ersetzen, aber es wird auf jeden Fall Veränderungen geben, und wir als Ärzte sollten diese Entwicklungen sehr gut beobachten und möglichst aktiv mitgestalten. Krankenkassen sehen natürlich auch die Kostenvorteile und sind deshalb mit im Boot.

Was über die künstliche Intelligenz an Diagnose-Tools z.B. beim Hautkrebs schon verfügbar ist, ist tatsächlich phänomenal und wird auch bei der dermapraxis intensiv thematisiert. Die Diagnosesicherheit der bildgebenden Verfahren und auch die Äquivalenz zu den histologischen Ergebnissen sind schon beeindruckend. Natürlich muss das auch unter ständiger Kontrolle stehen, ohne ärztlichen Sachverstand ist das nicht möglich. Aber es erleichtert unseren Alltag schon sehr, wenn wir uns nicht alles ansehen müssen und uns auf Fälle konzentrieren können, die unsere ganze fachliche Kompetenz erfordern.

DISKURS Dermatologie:

Ist eine Veranstaltung wie die dermapraxis wichtig dafür, dass die angesprochenen Fortschritte auch in der Praxis bei den Patientinnen und Patienten ankommen?

Dr. Stavermann:

Ja, absolut! Der Austausch zwischen Wissenschaft und dem Praktiker, der es im Anschluss breitflächig in den medizinischen Alltag integrieren muss, das ist eines unserer Hauptanliegen. Diese „Schere“ wird meinem Eindruck nach von Jahr zu Jahr kleiner, und das ist das Schöne daran. Man hatte vor Jahren das Gefühl, dass Wissenschaft und Praxis doch zu sehr auseinander klaffen. Das ist mittlerweile nicht mehr so, es gibt eine deutliche Annäherung und das konsequente Bemühen, die niedergelassenen Dermatologen mit ins Boot zu nehmen.

DISKURS Dermatologie:

Welche therapeutischen Innovationen haben Ihren persönlichen Praxisalltag in den letzten Jahren am stärksten geprägt bzw. verändert?

Dr. Stavermann:

Da muss ich auf jeden Fall die Biologika nennen, als Therapien der chronischentzündlichen oder der onkologischen Erkrankungen. Es ist absolut bahnbrechend, was da in den letzten 15 Jahren entwickelt wurde und auch weiterhin entwickelt wird. Auch bei der Schuppenflechte sind wir ja noch nicht am Ende der Fahnenstange, wir sehen zwar aktuell nicht mehr die ganz großen Schritte, aber doch immer noch wichtige Innovationen, die uns weiter voranbringen. Dass wir uns jetzt auch so viel mit Neurodermitis beschäftigen, zeigt, dass wir nicht nur ein „Oberflächenfach“ sind, sondern uns auch mit chronischen Entzündungsreaktionen des Körpers beschäftigen; insofern ist Vieles in unserem Praxisalltag inzwischen eher Innere Medizin. Die Zulassung für geeignete Biologika gilt nun ab dem 6. Lebensjahr und das ist natürlich auch eine ganz spannende Entwicklung, denn es ist naturgemäß sehr schwierig, in diesem jungen Alter eine adäquate Therapie zu finden, auch unter Sicherheitsaspekten. Es ist insofern ein erheblicher Unterschied, ob ich einen Patienten mittleren Alters mit diesen Therapeutika behandle, dessen Entwicklung abgeschlossen und der Effekt auf das Immunsystem daher absehbar ist, oder eben ganz junge Patienten, bei denen dies nicht der Fall ist. Dennoch sind alle dankbar, denn für die meisten ist es eine wahnsinnige Erleichterung, trotz Schuppenflechte endlich mal wieder ohne Juckreiz durchschlafen zu können, nicht den ganzen Tag cremen zu müssen, ins Schwimmbad gehen zu können, weil die Haut nicht mehr schuppt oder großflächig aufgekratzt ist … Die Crux ist herauszufinden, welche Therapie aus der Vielzahl der neuen Möglichkeiten für welchen Patienten geeignet und quasi maßgeschneidert ist, auch mit Blick auf eventuelle Komorbiditäten. Das ist wirklich sehr herausfordernd, aber auch spannend, und hat unseren Praxisalltag nachhaltig positiv verändert.

DISKURS Dermatologie:

Sehr geehrter Herr Dr. Stavermann, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte S. Höppner.: